Straßenkreuze: Was hinter den Gedenkstätten steckt

Gedenkstätte an der B43 zwischen Steinheim und Mühlheim. Hier wurde im November 2015 ein 33-Jähriger von einem Auto erfasst. Er stirbt noch am Unfallort. Foto: kb

Wer mit dem Auto in Rhein-Main unterwegs ist, sieht sie täglich: Straßenkreuze, die an die Opfer von Verkehrsunfällen erinnern. „Für Hinterbliebene ist dieser Ort wichtiger als das Grab“, sagt Peter Ress von der Initiative „Straßenkreuz. de“. Von Kristina Bräutigam

Region Rhein-Main – Die Gedenkstätte liegt an einem Grünstreifen an der B43, direkt vor dem Kleingartenverein Mainblick. Ein buntes Meer aus Plastikblumen steht vor einem Bilderrahmen, Grablichter flackern. Das verblichene Foto zeigt einen jungen Mann, der in die Kamera lächelt. Hier, auf der Bundesstraße zwischen Mühlheim und Hanau-Steinheim, ist er gestorben. Ein Auto erfasst ihn am frühen Morgen des 1. November 2015. Der 33-Jährige, der zu Fuß unterwegs ist, erliegt noch auf der Straße seinen schweren Verletzungen. „Du bist nicht weg, liegst in unserem Herzen, mein Bruder“, steht auf der Gedenktafel.

Trauerorte wie diese gibt es viele in Rhein-Main. Mal sind es schlichte Kreuze, die an die Opfer tödlicher Verkehrsunfälle erinnern, mal wahre Gedenkstätten mit Engelsfiguren, Blumen und Fotos. „Die Stelle ist für die Hinterbliebenen sehr wichtig“, sagt Peter Ress aus Schöneck (Main-Kinzig-Kreis). Seit über 15 Jahren engagiert er sich für die Initiative „Straßenkreuz.de“, eine Anlaufstelle für Hinterbliebene, die bei einem Unfall einen geliebten Menschen verloren haben. Die Mitglieder geben Tipps zur Trauerbewältigung, vermitteln Kontakte zu Selbsthilfegruppen oder Seelsorgern. Aus Gesprächen weiß Peter Ress: Viele Angehörige fühlen sich den Verstorbenen am Unfallort näher als am Grab auf dem Friedhof. „Es ist der Ort, an dem die Seele den Körper verlassen hat. Hier hat der geliebte Mensch seinen letzten Atemzug gemacht“, sagt Ress. Viele Familien oder Freunde pflegen die Gedenkstätte über Jahrzehnte. „Ich kenne sogar Menschen, die einmal im Jahr nach Spanien fahren, um die Unfallstelle zu besuchen“, sagt Ress.

Wer ein Straßenkreuz aufstellen will, braucht keine Genehmigung einholen. „Wir dulden die Straßenkreuze, um den Angehörigen ein Platz für ihre Trauer zu geben“,sagt Frauke Werner, Sprecherin vom Straßen- und Verkehrsmanagement Hessen Mobil. Allerdings gibt es Voraussetzungen, die bei der Aufstellung beachtet werden müssen: So dürfen die Gedenkstätten den Verkehr nicht behindern, Verkehrsteilnehmer nicht ablenken und die notwendigen Arbeiten im Straßenraum, etwa Mäharbeiten, nicht beeinträchtigen. Liegt der Unfallort an einer Gefahrenstelle, etwa an einer Autobahnauf- oder -abfahrt, sucht Hessen Mobil das Gespräch mit den Angehörigen. „Manchmal ist es dann nötig, das Kreuz um wenige Meter an eine geeignetere Stelle zu versetzen“, sagt Werner.

Dass ein Kreuz einfach entfernt wird, komme selten vor. Selbst wenn die Gedenkstätte nicht mehr gepflegt wird: „Ehe ein Kreuz entfernt wird, suchen wir oder die örtliche Straßenmeisterei immer das Gespräch mit den Angehörigen, sofern sich diese ermitteln lassen“, sagt Werner.

Am Anfang haben Peter Ress und seine Mitstreiter Geschichten von tödlichen Unfällen auf ihrer Homepage veröffentlicht. Mittlerweile haben sie damit aufgehört. „Wir wollten keine Horror-Unfall-Storys zeigen. Davon gibt es genug.“ Die Kreuze am Straßenrand sind für ihn die bessere Alternative. „Sie erinnern an die Schicksale. Und sie regen vielleicht den ein oder anderen Autofahrer zum Nachdenken an.“

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