Tote Insekten lassen Bad Homburger rätseln

Mysteriöses Hummelsterben unter Lindenbäumen

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Eigentlich lädt die Kaiser-Friedrich-Promenade in Bad Homburg zum Schlendern ein. Doch der Weg unter den Lindenbäumen gleicht zurzeit eher einem Massengrab von Hummeln und Bienen. Der EXTRA TIPP hat Experten gefragt, was dahintersteckt. Von Julia Oppenländer

Region Rhein-Main – Ein paar vereinzelte Hummeln und Bienen zucken noch leicht, doch der Großteil der Tiere liegt regungslos auf dem Boden. Der Überlebenskampf, der sich aktuell auf der Kaiser-Friedrich-Promenade in Bad Homburg abspielt, bricht Tierfreunden das Herz. „Ich bin völlig entsetzt, so was habe ich noch nicht gesehen“, sagt eine Anwohnerin. „Die Tiere sind völlig benommen gegen mein Auto geflogen. Deshalb bin ich ausgestiegen und habe überall auf dem Weg hier an der Straße die Hummeln und Bienen gesehen.“ Die meisten von ihnen sind tot oder liegen im Sterben.

Auch die Stadtverwaltung Bad Homburgs hat bereits davon gehört. „Unseres Wissens nach handelt es sich dabei um einen normalen Vorgang – auch wenn es natürlich äußerst traurig ist“, sagt Andreas Möring, Sprecher der Stadt. „Aktuell sterben viele Hummeln, weil einfach nicht mehr genügend Nahrung für die Tiere da ist.“

Das bestätigt auch Lars Rodenberg vom Naturschutzbund (Nabu) Hochtaunus. „Eigentlich sterben die meisten Hummeln erst im Herbst. Aber im Moment finden viele nicht mehr genug Nahrung, so schrecklich das auch klingen mag.“ Dass soviele tote Insekten vor allem unter Linden zu finden sind, ist kein Zufall. Diese Bäume blühen verhältnismäßig spät im Jahr und sind jetzt eine von sehr wenigen Nektarquellen für die gelb-schwarz-gestreiften Tierchen, vor allem in den Städten. Hier ist das Angebot an insektenfreundlichen Pflanzen, die genug Nektar anbieten, ziemlich begrenzt. „Deshalb sind an den Linden auch besonders viele Hummeln anzutreffen“, so Rodenberg. Allerdings reicht das Angebot bei weitem nicht aus, um die Nachfrage der Insekten zu decken. „Die Tiere sind zu schlapp. Der wenige Nektar, den sie sammeln reicht nicht aus, um ihren Energiehaushalt zu decken.“ Das betrifft grundsätzlich zwar alle Blütenbesucher, allerdings „tun sich gerade Hummeln schwer bei der Nektarbeschaffung. Sie probieren nämlich nicht so gerne neue Futterquellen aus“, sagt Nabu-Sprecher Lutz Rodenberg.

Dass sich auch Bienen unter den Opfern bei den Linden befinden, ist auf die gleiche Ursache zurückzuführen. Ihre Zahl ist aber weitaus geringer, sagt Rodenberg. „Honigbienen sind einfach besser darin als Hummeln, neue Nahrungsquellen zu erschließen.“ Das bestätigt auch Stefanie Ludewig, Imkermeisterin am Institut für Bienenkunde in Oberursel. „Bienen und Hummeln besetzen unterschiedliche ökologische Nischen. Trotzdem ist auch bei den Bienen die Sterberate zurzeit relativ hoch. Aktuell sind nämlich die Sommerbienen in der Region unterwegs. Sie leben durchschnittlich nur etwa sechs Wochen, weil sie einen viel höheren Energieverbrauch haben.“ Sobald die Insekten merken, dass sie schwächer werden und ihrem Ende näher kommen, fliegen sie instinktiv aus dem Stock – auch um das Risiko von Infektionen für die eigenen Artgenossen zu verringern. „Deshalb sind auch tote Bienen unter Bäumen und Sträuchern nicht ungewöhnlich“, so Ludewig weiter.

Die Anwohnerin in Bad Homburg lässt der Anblick der toten geflügelten Tiere nachdenklich zurück: „In den vergangenen Jahren wurde die Zahl und Vielfalt der Insekten einfach immer weniger. Selbst auf einem Kreisel hier in Bad Homburg, auf dem Lavendel blüht, sollte es ja eigentlich ohne Ende brummen – aber es ist wirklich schwer, noch Schmetterlinge oder Hummeln zu entdecken.“ Sie wünscht sich deshalb von der Stadt eine insektenfreundlichere Gestaltung von Parks und Grünflächen.

Darum ist man bei der Verwaltung aber längst bemüht. „Die Stadt versucht seit Jahren etwas für die Insekten zu machen. Es gibt spezielle Mähkonzepte, um insektenfreundliche Pflanzen möglichst lange stehen zu lassen“, sagt Sprecher Andreas Möring. Außerdem habe man an den Stadteingängen teilweise Blüh- statt reine Grünstreifen angelegt. „Das ist nicht nur ein optischer Gewinn für Bad Homburg, sondern eben auch für die Insekten.“

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