Seltenes Phänomen

Gelotophobie: Die Angst, ausgelacht zu werden

Lachen ist gesund und steckt an. Es gibt aber Menschen, die haben eine panische Angst davor, ausgelacht zu werden. Das Phänomen nennt sich Gelotophobie. Und das kann schwerwiegende Folgen haben.

Region-Rhein-Main – Niemand mag es, wenn er ausgelacht wird. Aber bei manchen Menschen ist die Angst davor so groß, dass sie ein Leben lang darunter leiden. Gelotophobie heißt der Fachbegriff dafür. Es ist ein Teil sozialer Phobie, also einer Angst, im Umgang mit anderen Menschen. Experten gehen von etwa sechs Prozent der Bevölkerung aus, die daran leiden. Psychologin und Doktorandin Celina Clément von der Goethe-Universität Frankfurt bietet derzeit eine Therapiestudie an, wo sie bestimmte soziale Ängste von Betroffenen untersucht. Auch die Gelotophobie gehört als Teil davon dazu. Sie sagt: „Eigentlich ist es eine Eigenschaft, die wir alle haben. Es ist die Angst, auf andere lächerlich zu wirken. Gründe dafür sind evolutionär zu sehen. Wir sind soziale Wesen und haben alle ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit.“ Dies sei in jedem Menschen fest verankert. Denn früher galt die Gemeinschaft als Schutz und überlebensnotwendig – etwa vor dem Säbelzahntiger in der Urzeit. Da hat die Gruppe Schutz geboten. Und das Hirn erkenne eben nicht, dass diese Gefahren heute nicht mehr existent sind. „Und dieses Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit zur Gruppe ist bei manchen Personen stärker verankert. Und auch die Angst ausgelacht, und möglicherweise von der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden“, sagt Clément.

Wenn eine Person, die extrem unter Gelotophobie leidet, einen Raum betritt und zufällig lacht jemand, dann bezieht sie alles oft direkt auf sich. Gedanken wie: „Habe ich einen Fleck auf der Hose? Finden die mich hässlich?, schießen der Person in den Kopf. „Die Aufmerksamkeit ist dann extrem auf die Außenwirkung geschärft. Dann kommt es dazu, dass Lachen in der Umgebung vollkommen fehlinterpretiert wird“, sagt die Psychologin. Ein Teufelskreis startet: „Dadurch, dass diese Menschen noch genauer darauf achten, wie sie sich verhalten, um sich vor einer Blamage zu schützen, erreichen sie oft das Gegenteil. Sie wirken dann vielleicht steifer oder beteiligen sich weniger an Gesprächen, sprechen sehr leise, sodass sie möglichst wenig im Mittelpunkt stehen.“ Das könne wiederum dazu führen, dass sie negative Aufmerksamkeit bekommen und sich wiederrum bestätigt fühlen, dass sie offensichtlich keiner mag.

Die Frankfurter Psychologin Celina Clément Foto: nh

Bei vielen Betroffenen könnten Mobbingsituationen aus der Kindheit Gründe für eine Entwicklung einer solchen Phobie sein. Wer in der Schulklasse gedemütigt wurde, könnte ein solches Verhalten später zeigen. „Auch sogenanntes Cybermobbing in Sozialen Medien spielt heute eine immer größere Rolle. Die Außenwirkung wird immer wichtiger in unserer Gesellschaft. Dadurch sind wir viel empfindlicher gegenüber Ablehnungen.“

Für Außenstehende wie Eltern, Freunde oder Kollegen ist es laut Clément wichtig, empathisch darauf einzugehen. „Auch wenn diese Personen distanziert und vielleicht seltsam wirken, sollte sich jeder vor Augen führen, dass sie mit einer ständigen Angst oder Scham begleitet sind. Dafür sollte jeder Verständnis aufbringen.“ Wer merke, dass eine nahestehende Person dadurch Einschränkungen in ihrem Alltag hat, sollte sie darauf ansprechen. Wichtig sei, dass der Betroffene selbst die Einsicht hat. „Niemand kann zu einer Therapie gezwungen werden“, warnt sie. Allerdings muss es erst gar nicht so weit kommen. Wichtig sei es, Betroffene zu ermutigen, in soziale Situationen zu gehen. Denn wer das konsequent vermeidet, könne auch keine positiven Erfahrungen machen. „Nur wenn ich viel mit Menschen in Kontakt trete, dann merke ich, dass nicht jeder über mich lacht.“ Und es sei stets eine Frage der Perspektive. Speziell das lernen Betroffenen in einer Therapie. „Letztendlich kann alles bedrohlich wirken, was mir passiert. Ich kann es aber auch immer in einen anderen Rahmen setzen und anders bewerten.“

Wenn diese irrationalen Ängste jedoch bestehen bleiben, führt dies zu Einschränkungen im privaten und beruflichen Bereich. „Wenn ich vermeide, fremde Menschen kennen zu lernen, kann das zu Partnerlosigkeit und mangelnde freundschaftliche Kontakte führen. Aber auch im beruflichen Alltag kann es schwierig werden, wenn ich etwa das Sprechen vor anderen Personen meide. Eine berufliche Weiterentwicklung wird massiv verhindert“, befürchtet Celina Clément.

Von Oliver Haas

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