Schon tagsüber unterwegs

Frankfurt: Wegen Müllbergen - Ratten fühlen sich hier immer wohler

Wo Menschen leben, sind Ratten nicht weit. Auch in Rhein-Mains Städten werden die Tiere immer wieder zum Problem. Doch obwohl sich Sichtungen häufen, will von einer Plage niemand etwas wissen. Von Julia Oppenländer

Region Rhein-Main – Als der Frankfurter Wolfgang Walter vor wenigen Wochen abends seinen Müll nach draußen bringt, springt ihm plötzlich eine Ratte ins Gesicht. „Das Vieh hatte wohl auf der Mülltonne gesessen. Aber wegen des dämmrigen Lichts habe ich es nicht gesehen“, sagt der 73-Jährige voller Ekel. Doch bei dieser Ratte blieb es nicht. Rund um die Wohnblöcke der Sondershausenstraße, Ecke Mainzer Landstraße wimmelt es von den Tieren. „Inzwischen laufen die sogar tagsüber rum. Die fühlen sich hier viel zu wohl“, sagt Wolfgang Walter und zeigt auf hochgewachsene Büsche, Efeuranken und die gemeinschaftlich genutzten Mülltonnen. Weil sie so voll sind, stehen bei einigen die Deckel offen, es stinkt.

„Auch Ratten fühlen sich im Kanal nicht so wohl, oft ist es ihnen da selbst zu feucht. Wenn es also woanders das passende Nahrungsangebot und um die Ecke vielleicht Verstecke gibt, dann ziehen die Nager um“, sagt Björn Kleinlogel vom Landesverband Hessen des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbands.

Das bestätigen Meldungen der vergangenen Monate: In einem Wohnkomplex in Offenbach-Waldhof hüpfen die Ratten tagsüber im Sandkasten herum und dringen in Häuser ein. Einem Anwohner aus dem Offenbacher Nordend springen zwei Nager beim Öffnen der Motorhaube entgegen. Und auch in Rödelheim sprechen Nachbarn von einer Rattenplage auf mehreren Grundstücken. All diese Meldungen zeigen: „In dicht besiedelten Städten wie hier in Rhein-Main finden Ratten ideale Lebensräume“, so Kleinlogel. „Durch in Toiletten runtergespültes Essen gibt’s ein großes Nahrungsangebot im Kanalsystem. Und auch oberirdisch werden die Tiere von Essensresten angelockt.“ Doch das Wetter spielt ebenso eine Rolle: „Durch die Trockenheit war die Jungtiersterblichkeit nicht so hoch“, sagt Kathrin Kaltwaßer vom Nabu Hessen.

Die Städte in Rhein-Main geben wiederum an, keine übermäßigen Rattenprobleme zu haben. „Dass uns ein Befall gemeldet wird, passiert immer wieder mal“, sagt Offenbachs Ordnungsamtsleiter Peter Weigand und verweist auf die Zahlen in vergangenen Jahren. 2018 gab’s 16 bekannte Fälle, ein Jahr zuvor waren es 50 und 2016 wieder nur 24. Auch in Frankfurt gebe es eine niedrige dreistellige Zahl an Meldungen pro Jahr, so Ordnungsamtssprecher Michael Jenisch.

Ratten gelten laut Infektionsschutzgesetz als Schädlinge. Aus Gründen des Gesundheitsschutzes müssen sie bekämpft werden – zunächst erstmal vom Hauseigentümer. Er muss den Befall nicht melden. Dass deshalb die offiziellen Statistiken der Städte hier trügerisch sein können, zeigt ein Vergleich mit Berlin. Die Hauptstadt hat Ratten schon vor Jahren den Kampf angesagt und 2011 die wohl schärfste Verordnung im Umgang mit den kleinen Nagern erlassen: Seitdem sollen Bürger das Gesundheitsamt über jede beobachtete Ratte informieren. Das Amt ermittelt das Ausmaß des Befalls und bestimmt eine Frist, innerhalb der die Tiere bekämpft werden müssen. Im vergangenen Jahr mussten Schädlingsbekämpfer somit 11.414 Mal ausrücken.

Im Fall von Wolfgang Walter ist der Eigentümer informiert. „Wir gehen bereits aktiv gegen die Ratten vor“, sagt Frank Junker, Geschäftsführer der ABG Frankfurt Holding, und bittet die Anwohner gleichzeitig um Hilfe: „Der Müll muss in die Tonnen und darf nicht rumliegen, damit die Ratten keine Nahrung mehr finden.“ Und Kathrin Kaltwaßer vom Nabu Hessen fügt an: „Ratten gehen vor allem oberirdisch auf Nahrungssuche, wenn hier das Angebot besser ist. Aber nur weil wir mehr Ratten sehen, muss es dennoch nicht mehr geben.“

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