Experte Jürgen Engel erklärt, warum es so oft Streit wegen der Ernährungsweise gibt

Veganer trifft auf Allesesser: Was bei der Kommunikation schief läuft

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Frankfurt: Veganer trifft auf Allesesser: Was bei der Kommunikation schief läuft

Beim Essen hört der Spaß auf! So ähnlich lassen sich Gespräche zwischen Veganern und Allesessern (Omnivoren) zusammenfassen. Was wirklich dahintersteckt, erklärt ein Kommunikations-Experte aus Frankfurt. Von Oliver Haas

Region Rhein–Main – Wenn verschiedene Ernährungsformen am Tisch aufeinanderprallen, entsteht oft ein seltsames Gesprächsklima. Veganer sind genervt, weil sie sich vom Gegenüber immer wieder Sätze anhören müssen wie „Ich esse selbst auch nur wenig Fleisch“. Zuweilen wird´s auch aggressiver und es folgen Witze oder die Ernährungsform wird als gesundheitlich bedenklich dargestellt. Umgekehrt werden Allesesser oft von Veganern belehrt und provoziert.

Warum gerade bei der Kommunikation rund ums Essen der Spaß manchmal aufhört, weiß Jürgen Engel. Der Frankfurter ist Experte für „Gewaltfreie Kommunikation“ und sagt: „Ernährung ist eines der am meisten emotional besetzten Themen der Menschen. Da gehen die Meinungen stark auseinander.“ Das zeige sich deutlich an der Sprache, indem gesagt wird: Ich bin Veganer oder Vegetarier und nicht etwa „Ich ernähre mich vegetarisch“. „Essen ist klar Teil der Identität“, erklärt Engel. Erstaunlich sei, dass oft nur die Anwesenheit eines Veganers oder Vegetariers von den Übrigen unterschwellig als Vorwurf interpretiert werde. „Bizarrerweise schon, obwohl derjenige noch gar nichts zum Thema gesagt hat. Denn auch so schwebt der Vorwurf bei den anderen im Raum: Du isst Fleisch und das finde ich nicht gut!“ Und dann gehe es eben los, dass sich die Personen verteidigen.

„Was natürlich eine Rolle spielt, ist, dass viele Fleischesser vorher auch schon viel in Kontakt mit dem Thema Veganismus gekommen sind“, sagt Engel. Dabei müssen sie nicht mal direkt von einem Veganer angesprochen worden sein. „Es reicht, wenn jemand was zu dem Thema gelesen hat.“ Denn: „Keiner kann abstreiten, welchen negativen Einfluss der Fleischkonsum auf das Klima hat. Oder unter welchen fürchterlichen Bedingungen die Tiere in der Massentierhaltung leben müssen und welcher negative Einfluss etwa Fleischkonsum auf die eigene Gesundheit hat. Da muss schon jemand sehr blind sein, um das zu übersehen.“

Das Dilemma: Die meisten Menschen kommen laut Engel tatsächlich ins Grübeln, wollen aber ihre alten, lieb gewonnenen Gewohnheiten behalten. „Also werden diese Gedanken um das Wissen über die Herstellung tierischer Produkte bei vielen stark verdrängt. Und diese Art der Verdrängung ist notwendig, damit ich weiter ohne akute Gewissenbisse so handeln kann, wie ich will.“ Das zeige sich auch, wenn Veganer vor Nährstoffmangel gewarnt werden. „Das ist ein erstaunliches Phänomen. Ich kann fett und ungesund aussehen. Kann drei Schnitzel am Tag essen, aber dann sagt selten jemand ,Das ist aber bedenklich’. Wenn ich mich aber vegan ernähre, werden viele zum Ernährungsexperten“, sagt Engel.

„Es ist in der Kommunikation nur ein unbewusster, verzweifelter Versuch, sich mit der Art seiner Ernährung okay zu fühlen. Und für sich zu argumentieren: ,Das, was ich mache, wie ich mich ernähre, ist richtig!’“ Es sei für Menschen schwer auszuhalten, wenn sie das Gefühl haben, etwas falsch zu machen – erst Recht beim Thema Ernährung. Deshalb sieht Engel auch viele Aktionen von Veganern kritisch: „Inhaltlich finde ich es gut, dass sie diese schlimmen Wahrheiten zeigen. Aber die Art der Ansprache, wie einige Aktivisten auf Leute zugehen, ist kommunikativ gesehen unklug. Wenn sie sagen: ,Das ist schlecht, was du machst. Kannst du nicht sehen, welches Tierleid dahinter steckt?’, dann kann das nicht funktionieren. Damit bewirke ich kaum etwas und erzeuge nur Widerstand.“ Besser sei es, in Gesprächen etwa leckere Speisen zu erwähnen, oder die gesundheitlichen Vorteile rein pflanzlicher Ernährung zu betonen, die man selbst erlebt hat. Ständig dem anderen den Spiegel vorzuhalten, was er falsch macht in der Ernährung, sei der verkehrte Weg.

Veganern, die nicht über ihren Essensstil reden wollen, rät Engel, das klar zu kommunizieren. Auch Allesesser sollten deutlich machen, wenn sie nichts davon hören wollen. „Bei extrem polaren Meinungen wird’s in Gesprächen kaum einen Konsens geben. Es wäre schön, wenn eine Seite im Gespräch denkt: ,Mal schauen, welche vernünftigen Argumente der andere hat. Vielleicht kann ich ja etwas lernen und neu bewerten‘“, sagt Engel. „Aber das ist ja leider in den seltensten Fällen so.“

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