Wandel der Feierkultur und Gewalt in der Szene

Kommt jetzt das „U“ zurück? Betreiber verrät seine Pläne

  • Rebekka Farnbacher
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Für die einen ist er ein legendärer Technoclub, für die anderen die Erinnerung an eine Tragödie: Nach dem Tod eines Gastes wurde das U60311 im Jahr 2012 geschlossen. Am Dienstag feierte die Club-Marke ihr 20-Jähriges. 

Betreiber Alexander Eger spricht im Interview über Exzesse, Gewalt in der Partyszene und den Wunsch, den Club wieder neu zu eröffnen.

Zum 20-jährigen Jubiläum des U60311 gab es einen Rave über 35 Stunden. Gibt es Besucher, die tatsächlich zwei Nächte und einen Tag lang durchfeiern?

Nein, wer aus der Region kommt, geht zwischenzeitlich nach Hause und der Großteil der Besucher, die von außerhalb kommen, haben sich Hotelzimmer gemietet oder bleiben maximal zehn bis zwölf Stunden.

„20 Jahre – Elektro, Exzesse und Emotionen!“ lautet das Motto des Jubiläums. Wie exzessiv wird in Rhein-Main heute noch gefeiert?

Ich habe den Eindruck, dass die Feiernden Ende der 90er deutlich unbedarfter und wohl auch experimentierfreudiger in die Partys gestartet sind – sei es in Sachen Styling oder auch was Rauschmittel angeht . Das hat sich ab den 2000ern stark gewandelt.

Sie sagen, dass Frankfurt einst neben Berlin die deutsche Hochburg des Elektro war. Warum wurde Frankfurt von Berlin abgelöst?

Zum einen durch die Schließung der beiden Trendsetter-Clubs Cocoon und U60311, die beide dafür bekannt waren, dass sie jedes Wochenende internationale Weltstars nach Frankfurt geholt haben. Zum anderen ist die Stadt auch massiv gegen jede Form von Wildwuchs und Off-Locations vorgegangen. Auch das hemmt die Entwicklung und die Kreativität von Subkulturen, wie sie Techno repräsentiert, stark.

Und was bräuchte es, um den Status wieder zu erlangen?

Wir suchen seit langem nach einem würdigen Nachfolger-Objekt für das alte U60311 am Roßmarkt. Natürlich kommt hierfür nur eine Location in Frage, die nicht der Norm entspricht, zum Beispiel eine alte Fabrik, ein Bunker, eine alte U-Bahnstation. Diese soll gut erreichbar in Frankfurt, aber diesmal abseits der Touristen und City-Shopper liegen. In ein solches Objekt würden wir mehrere Millionen Euro investieren, um erneut einen der führenden Weltclubs daraus zu machen.

Für viele Außenstehende war der kurz als „U“ bekannte Club eine Drogenhölle. Wie haben Sie die Zeit damals erlebt?

Ich persönlich gar nicht, da ich erst 2002 nach der großen Razzia im Cocoon Club hinzugestoßen bin und ab dann umfangreiche Anti-Drogenmaßnahmen in der Umsetzung waren. Dass diese gegriffen haben, konnte ich im Jahr 2012 Polizei und Ordnungsamt beweisen, da man in diesem Jahr – erpicht darauf, das U60311 zu schließen – insgesamt 21 Drogenrazzien durchführte, bei denen nichts gefunden wurde. Dabei hat sich gezeigt, dass sich der Techno und seine Anhänger schon lange aus der zwingenden Verstrickung mit den Rauschmitteln gelöst haben.

Geschlossen wurde das „U“, weil ein Gast nach einer Schlägerei mit einem der Türsteher starb. Ist Gewalt ein Problem in der aktuellen Feierkultur?

Alexander Eger

Nein, das war auch damals kein Problem der elektronischen Feierkultur. Im Gegenteil wird Ihnen jeder, der im Nachtleben und Veranstaltungsbereich arbeitet, bestätigen, dass das Gewaltpotenzial bei anderen Musik-Genres um ein Vielfaches höher ist. So schlimm es ist, und so wenig es etwas in der Feierkultur zu suchen hat: Leider geschehen im Nachtleben, auch in dem der elektronischen Musik, immer wieder tödliche Zwischenfälle an der Tür oder im Club unter Beteiligung von Türstehern. Ob im ehemaligen Cocoon Club, im Cookies oder dem U60311 – fast jeder Club hat solche Tragödien in seiner Biografie, keiner der Inhaber oder Veranstalter geht leichtfertig mit so etwas um.

Insbesondere die Mutter des Verstorbenen hatte schwere Vorwürfe gegen Sie erhoben. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe nachweislich mehrfach versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Leider hat sie es vorgezogen, ausschließlich über die Medien zu kommunizieren. Ich selbst war fassungslos, dass so eine Tragödie überhaupt geschehen konnte.

Trotz der Bemühungen, das „U“ wieder unter dem Roßmarkt zu eröffnen, lehnt die Stadt die Nutzung ab. Sind unsere Innenstädte Ihrer Meinung nach zu klinisch sauber geworden, als dass ein Club wie das „U“ dorthin passt?

„Klinisch sauber“ ist treffend. Es bedeutet auch steril, also alles andere als bunt und lebendig. Unser Club war etwas Besonderes, eine feste Institution und Bereicherung für die Musik-und Kulturszene – und das weit über die Region hinaus! Als Gegenwelt bot der Club Raum für Aktivitäten, die von einem Teil der Gesellschaft am liebsten an den Stadtrand ausgegrenzt werden oder schlichtweg nicht vorgesehen sind. Dabei gibt es durchaus noch Städte mit lebendigen Szenevierteln. Hamburg und Berlin sind solche Beispiele. Doch die Frankfurter Behörden interessierte weder, dass das U60311 im Jahr 1999 eine Auszeichnung als vorbildliches Bauwerk und die Anerkennung des Deutschen Architekturpreises erhielt, noch, dass es 2010 vom renommierten DJ-Mag als einer der weltweiten Top-100-Clubs vorgestellt wurde.

Soll das neue „U“ dann wieder U60311 heißen?

Natürlich wird unsere Marke U60311 auch weiterhin so heißen! So wie Techno mehr als ein einzelner Song, ein einziger DJ oder ein bestimmtes Festival ist, so ist das U60311 mitsamt seiner riesigen Fan- und Technogemeinde mehr als die Mauern unterhalb des Roßmarktes.

Rebekka Farnbacher

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