Lars Kuhlemann betreibt in Sossenheim die letzte Posamente-Fabrik in Hessen

Frankfurt: Er fertigt edle Quasten für Scheichs und Schlösser

Borten, Fransen, Kordeln und Quasten: Bei Scheuerle Posamenten dreht sich alles um Zier-Gehänge für Vorhänge, Sofas und Kissen. Obwohl das seit 1900 existierende Geschäft enorm geschrumpft ist, hält es sich tapfer am Markt. Sein bester Kunde: Ein arabischer Scheich. Von Rebekka Farnbacher

Region Rhein-Main – Es ist ein unscheinbares Wohnhaus in Sossenheim, in dem auf drei Etagen tonnenweise Garne lagern, Maschinen tagtäglich Kordeln wickeln und Mitarbeiter per Handarbeit außergewöhnliche Schmuckstücke fertigen. In der Westerbachstraße 161 steht Hessens letzte Posamentenfabrik. Posa- was? Das sind Borten, Fransen, Kordeln, Quasten, Seile und Bommeln, die Vorhänge, Sofas und Kissen verzieren. Sie werden dort seit dem Jahr 1900 verkauft und noch heute in mühevoller Arbeit nach teils aufwendigen Sonderwünschen angefertigt. Die sogenannten Quasten, die als zierende Raffhalter meist für Vorhänge zum Einsatz kommen, können pro Stück bis zu 700 Euro kosten.

Herr der Bommeln bei „Scheuerle Posamenten“ ist Lars Kuhlemann, der den kleinen Familienbetrieb in vierter Generation führt. Gegründet wurde der Betrieb bereits im Jahr 1900 – in einer Zeit als die textilen Deko-Elemente richtig boomten. „Bis zum Krieg hatte das Unternehmen mehr als 100 Mitarbeiter. Heute sind es nur noch vier“, sagt Kuhlemann, der schon als Kind immer in der Fabrik seines Vaters unterwegs war. „Es ist ein aussterbendes Geschäft. In Deutschland gibt es nur noch eine Handvoll Anbieter für Posamenten.“ Aber der Geschäftsführer hat seine Nische gefunden. „95 Prozent unserer Kunden sind Raumausstatter und Polsterer. Privatkunden haben wir kaum.“ Dafür kommen die Zier-Gehänge aber gut rum. Vor allem in Hotels, Theatern und Schlössern in ganz Deutschland, Europa und darüber hinaus hängen die Quasten, Kordeln und Borten des Frankfurter Herstellers.

Sein berühmtester Kunde war in den 80er/90er-Jahren ein arabischer Scheich, der seine Villa mit Tausenden Raffhaltern ausstatten wollte. „Er bestellte Quasten in rosa, türkis, gold – so richtige Regenbogenfarben, die nach Morgenland anmuteten.“ Aber auch Moritz Landgraf von Hessen setzte auf die exklusive Handwerkskunst von Scheuerle Posamenten und stattete damit Räume im Schlosshotel Kronberg und im Hotel Hessischer Hof in Frankfurt aus. Dort sind die Quasten und Co. auch heute noch zu sehen.

Außerdem zu sehen ist in dem Posamenten-Dorado noch heute die traditionelle Herstellung des aufwendigen Zier-Gehänges. Im 400 Quadratmeter großen Maschinenpark kann man vorbei am handbetriebenen Schnurdrehrad und einer Häkelgalonmaschine aus Vorkriegszeiten bis zum modernen Nadelbandwebstuhl auf Zeitreise gehen. „Gerade die Quasten sind eine sehr diffizile Arbeit, die ihre Zeit braucht“, erklärt Kuhlemann. Und das wissen die Kunden zu schätzen. „Es ist ein Nischenprodukt, aber ein wirklich tolles“, schwärmt Polsterin Gesine Kottusch-Langner, die gerade auf der Suche nach einer speziellen Zier-Borte für einen Sessel ist. „Einem Laien mag es vielleicht nicht auffallen, welche Liebe hier im Detail steckt. Aber ganz ehrlich: Ich könnte ohne die Posamenten nicht leben.“

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