Polizist Peter Hessel erklärt, warum immer mehr gefälscht wird

Fälscher-Fahnder: „Heute macht die Gelegenheit den Betrüger!“

Der Experte Peter Hessel zeigt, wie heftig heute betrogen wird. Ein Fälscher produzierte einen rumänischen Pass mit 52 verschiedenen Identitäten. Foto: oh

Ist Deutschland eine Fälscherrepublik? Wenn es nach dem Experten Peter Hessel von der Polizei Frankfurt geht, wird es zumindest schlimmer. Ob Ausweise, Zeugnisse oder Tüv-Plaketten: Gefälscht wird alles und in unfassbarer Dimension. Von Oliver Haas

Frankfurt – Urkundenexperte Peter Hessel legt einen Stapel rumänischer Ausweise auf den Tisch. Alle sind gefälscht. Und überall ist das gleiche Gesicht abgebildet. Vor ein paar Jahren deckte die Polizei diesen spektakulären Betrugsfall auf. Der Täter war Teil einer Bande, die sich auf betrügerisches Eröffnen von Bankkonten spezialisiert hatte. Hessel rechnet vor: „In Europa gibt´s 3000 Direktbanken, also Banken ohne Filiale. Dort kann ich mit einer Ausweis-Legitimation bis zu vier Kreditkarten beantragen, die jeweils bis zu 2500 Euro Dispo haben.“ Ein krasser Einzellfall? Mitnichten. „Das ist noch nicht einmal die Spitze des Eisberges. Es wird immer schlimmer“, sagt Hessel. Seit 41 Jahren ist er Polizist und seit 1991 beschäftigt er sich mit dem Thema Fälschungen von Dokumenten. Mittlerweile hält er Vorträge, gibt Schulungen in allen Wirtschaftsbereichen. „Ich war kürzlich auf der Autovermieterverbundtagung. Dort boomt die Betrugsmasche ohne Ende. Gefälschter Ausweis, dazu der Führerschein und weg ist der Wagen.“

Der technische Fortschritt mache es den Betrügern natürlich immer einfacher. „Alles, was ich zum Fälschen eines Ausweises brauche, bekomme ich im Laden auf der Zeil in Frankfurt. 100 Blanko-Plastikkarten gibt´s für sieben Euro“, sagt Hessel. Dank des Netzes seien gerade auch Dokumente wie Zeugnisse, Masterarbeiten oder Gesellenbriefe immer leichter zu fälschen. Hessel: „Das ist derzeit der größte Hype. Auf bestimmten Seiten können Sie sich dann etwa ihr Abitur-Zeugnis aus Jena von 1999 ausdrucken – auch wenn Sie dort nie gewesen sind.“ Dabei geht es laut Hessel gar nicht darum, wie gut oder schlecht die Fälschungen vom Original zu unterscheiden sind. Das Problem sei viel mehr: „Kein Unternehmen der Welt ruft bei der Schule an und fragt, ob Sie dort wirklich ihren Abschluss gemacht haben.“ Und: „Wenn sich eine Mitarbeiterin vom Elektromarkt den kopierten Ausweis nur flüchtig anschaut, dann muss der nicht gut gemacht sein, damit das Smartphone ausgehändigt wird.“ 

Hessel zeichnet ein düsteres Bild. „Früher machte Gelegenheit Diebe, heute viele Betrüger. Es wird überall betrogen. In allen Bereichen der Wirtschaft. Wenn ich Verwaltungsmitarbeiter schule, stelle ich immer wieder fest, wie sehr die ihren Tunnelblick haben. Die können sich das nicht vorstellen, wo gefälschte Dokumente überall im Einsatz sind“, sagt der Polizist. Ein Ausweis sei oft nur das erste Mittel und Türöffner. „Wenn ich mich mit einem falschen Ausweis beim Einwohnermeldeamt vorstelle, bin ich im System.“ Ausländer erhalten so eine Einwohnermeldebestätigung, mit der sie sich etwa in ihrem Konsulat ausweisen können. Und der gefälschte Pass spielt dann keine Rolle mehr. Einen besonders kuriosen Urkunden-Betrugsfall erlebte die Frankfurter Polizei kürzlich bei einer Verkehrskontrolle. 

Der Polizist vor Ort stellte verdutzt fest, dass auf der Tüv-Plakette am Wagen statt 2019 die Zahl 2039 zu sehen war. „Der Täter erklärte daraufhin nur knapp: ,Da habe ich mich leider vergriffen’“, erzählt Hessel. Als die Polizisten die Wohnung des Verdächtigen unter die Lupe nahmen, wussten sie, wie der das gemeint hatte. „In seiner Werkstatt waren nebeneinander in Plastik-Kisten Tüv-Plaketten bis ins Jahr 2059 vorsortiert. Er erklärte uns, dass er einfach durch Google herausfand, dass in Deutschland bereits bis 2059 immer wieder die gleichen Farben verwendet werden. Verkauft hat er die falschen Tüv-Plaketten für zwei Euro das Stück.“

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