Behinderte, Kranke und Senioren finden bei ihnen Hilfe

Beziehungen für kurze Zeit: Das macht ein Sexualbegleiter

Ein Mann sitzt im Rollstuhl am Fenster. Sexualbegleiter helfen auch Senioren, ihre sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen Foto: iofoto/panthermedia.net

Auch Senioren, Kranke und Behinderte sehnen sich nach körperlicher Nähe. Wenn sie ihre Lust nicht ausleben können, bieten Sexualbegleiter Hilfe an. Einer von ihnen ist Oliver. Gegen Bezahlung erfüllt er sexuelle Wünsche. Von Julia Oppenländer

Region Rhein-Main – Oliver ist Mitte 40. Tagsüber geht er einem geregelten Job nach. Doch ab und zu klingelt sein Handy und sein Nebenjob ruft: Oliver ist Sexualbegleiter. „Dabei handelt es sich um eine Partnerschaft auf Zeit und Augenhöhe. Im Prinzip sind wir Sexualbegleiter so etwas wie Übungspartner, mit denen man die eigene Sexualität erforschen und ausprobieren kann. Zum Beispiel mit Flirtübungen oder durch das Kennenlernen erogener Zonen – alles in einem geschützten Rahmen.“

Bei Oliver, der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, melden sich Menschen mit ganz individuellen Geschichten: Geschiedene Frauen, die nach 20 Jahren Ehe ihre sexuellen Freiheiten neu entdecken wollen. Oder Studierende ganz ohne Erfahrung. Doch an Oliver wenden sich auch körperlich und geistig Behinderte sowie Senioren oder aber deren Angehörige. „Immer wieder kontaktieren mich Alten- oder Behindertenwohnheime, wenn es zum Beispiel einen Vorfall von sexueller Belästigung des Personals gab oder Bewohner wegen unerfüllter Sexualität aggressiv werden“, sagt er. Viele Einrichtungen seien überfordert. Ihnen und den Bewohnern versucht der Mittvierziger zu helfen, „schließlich haben alle Menschen körperliche Bedürfnisse.“

Den Service der Sexualbegleitung bieten in Deutschland, wenn überhaupt, vor allem Frauen an – Oliver ist einer von wenigen Männern in der Branche. Er kommt aus dem Rhein-Neckar-Raum, wo er auch hauptsächlich tätig ist. „Ich kann davon nicht leben. Aber will ich mich einfach in die Gesellschaft einbringen – Vereine sind mir zu langweilig.“

2016 beginnt er deshalb eine Ausbildung zum Sexualbegleiter beim privaten Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (kurz ISBB) in Trebel (Niedersachsen). Im Laufe eines Jahres absolviert er mehrere Erotikworkshops, bei denen er mit Behinderten zusammenarbeitet. Heute sind die meisten, die bei ihm anrufen, Männer. Viele konnten ihre Homosexualität bislang nicht oder kaum ausleben und setzen sich erst mit Olivers Hilfe mit ihr auseinander.

Bei allen Treffen legt der Mittvierziger deshalb vor allem auf einen respektvollen Umgang miteinander wert. „Mir ist eine offene Kommunikation wichtig. Die Ratsuchenden sollen ruhig sagen und zeigen, was sie möchten“, sagt er. „Gleichzeitig müssen sie lernen, die eigenen Grenzen und die des Gegenübers zu respektieren.“

Von der Prostitution grenzt sich der Sexualbegleiter wie viele seiner Kollegen ab. „Bei uns können Menschen nicht den reinen Akt kaufen. Man kann Wünsche äußern, aber was wirklich bei dem Treffen passiert, entscheidet sich spontan.“ Geschlechtsverkehr ist trotzdem nicht ausgeschlossen. „Oft kommt es aber gar nicht dazu, weil die Menschen, die den Service in Anspruch nehmen, meist auf einem ganz anderen Stand sind“, sagt er. Manche Treffen lehnt Oliver auch von vorneherein ab. Wenn er zum Beispiel respektlos behandelt wird oder der Ratsuchende sich nur bedienen lassen will.

Dass die Sexualbegleitung noch immer ein Tabu-Thema ist, hat laut Oliver mehrere Gründe. „Zum einen geht es natürlich um Sexualität – für viele ist das noch immer ein sehr privates Thema. Zum anderen nehme ich als Ratsuchender eine Dienstleistung in Anspruch, die etwas kostet – das ist vielen unangenehm,“ sagt Oliver. „Und dann habe ich vielleicht noch eine Behinderung oder bin schon älter, da kommen weitere Tabus für viele hinzu.“ Gerade der finanzielle Aspekt ist für Pflegebedürftige oft ein Hindernis, den Service in Anspruch zu nehmen. In den Niederlanden ist man dagegen etwas weiter. Hier wird die Arbeit von Sexualbegleitern teilweise von den Krankenkassen finanziell bezuschusst.

Oliver hofft, dass sein Nebenjob auch in Deutschland irgendwann mehr Akzeptanz erfährt. Denn er weiß: „Die schönste Rückmeldung, die ich kriegen kann, ist ein strahlendes Gesicht nach einem Treffen.“

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