Hessens Landeschef des Weißen Rings über die besondere Gefahr für Senioren

Frankfurt: „Besonders rohe Gewalt hat deutlich zugenommen“

Schläge, Raubüberfälle, Missbrauch: Gewalttäter werden immer brutaler. Das spüren auch die Mitarbeiter des Weißen Rings, der sich um die Opfer kümmert. Foto: panthermedia.net/DedMityay

Mit dem Tag der Kriminalitätsopfer erinnert der Weiße Ring an jedem 22. März an die Situation von durch Kriminalität und Gewalt geschädigten Menschen. Patrick Liesching ist Landesvorsitzender in Hessen. Von Dirk Beutel

Er schildert, welches gesellschaftliche Bild sich aus seiner Arbeit heraus ergibt und warum Opferschutz so wichtig ist.

Herr Liesching, seit 1991 gibt es den Tag der Kriminalitätsopfer. Inwieweit hat sich Ihre Arbeit mit Kriminalitätsopfern im Laufe der Jahre verändert?

Insofern als ganz neue Erscheinungsformen von Kriminalität dazugekommen sind. Als der Weiße Ring seine Arbeit aufgenommen hat, war vom Internet noch lange nicht die Rede. Heute finden zahlreiche Straftaten im Netz statt. Es ist auch so, dass sich Gewalt- und Sexualstraftaten nach unserer Wahrnehmung graduell verändert haben, wodurch in unserer Beratungspraxis häufiger eine starke Traumatisierung bei den Opfern vorliegt und das bedeutet neue Herausforderungen für den Weißen Ring.

Sowohl von politischer Seite als auch von Polizisten hört man vermehrt, dass die Gesellschaft zunehmend verrohe.

Wir führen keine aussagekräftigen Statistiken darüber. Wir bekommen immer nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Kriminalität mit und zwar von den Opfern, die sich an uns wenden. Gleichwohl: Ich selbst bin beim Weißen Ring seit 2005 aktiv und es lässt sich feststellen, dass es doch zu einer deutlichen Zunahme von besonders roher Gewaltanwendung gekommen ist. Oft auch, wenn der Anlass gering ist. Also wenn es beispielsweise um zehn oder 20 Euro geht, sind die Täter, anders als früher, viel schneller bereit, massive Gewalt einzusetzen.

Inwieweit gibt es einen Unterschied das Opfer eines Taschendiebstahls oder eines Raubüberfalls geworden zu sein?

Wir sehen ganz häufig, dass sich der Beratungsbedarf, vor allem was psychologische Beratung und Beistand anbelangt, meistens dann ergibt, wenn Gewalt mit im Spiel war. War dies der Fall, insbesondere bei sexualisierter Gewalt, kommt es oft zu einer Traumatisierung des Opfers. Vor allem daraus erwächst der Bedarf nach entsprechender Begleitung und Betreuung.

Ein Problem für Opfer ist der Umgang während der Ermittlungen. Manche haben den Eindruck, wie potenzielle Tatverdächtige behandelt zu werden. Ist Ihnen diese Kritik bekannt?

Also dass Opfer von Straftaten bei den Ermittlungen wie Tatverdächtige behandelt werden, würde ich grundsätzlich nicht so sehen. Zumindest bekommen wir das in unserer Arbeit nur selten zu hören. Aber in der Tat: Das Ermittlungsverfahren stellt für die Opfer, die ja Zeugen sind, eine große Belastung dar. Seit Juni 2017 liegt eine groß angelegte wissenschaftliche Studie vor, die der Weiße Ring in Auftrag gegeben hat. Deren Ergebnisse haben gezeigt, dass gerade die Mehrfach-Befragung von Opfern sehr belastend ist. Und wenn es dann, wie es vereinzelt berichtet wird, zu wenig sensiblen Befragungen kommt, dann ist das natürlich gerade bei traumatisierten Opferzeugen problematisch. Es gibt aber schon gesetzliche Regelungen, die der besonderen Lage von Opferzeugen Rechnung tragen, etwa die Videovernehmung oder die Möglichkeit, in der Hauptverhandlung die Öffentlichkeit auszuschließen.

Aber generell: Der Weiße Ring setzt sich dafür ein, das Bewusstsein für Opferbelange zu schärfen. Wo hakt es noch?

Es gibt immer Bedarf, in der gesamten Gesellschaft, insbesondere auch bei Ämtern, Ermittlungsbehörden und Gerichten dafür zu sensibilisieren, dass Kriminalitätsopfer ein besonderes Belastungsempfinden aufweisen. Wir versuchen, gegenüber den Ministerien darauf hinzuweisen, dass dies Gegenstand der Ausbildung von jungen Beamten, insbesondere Polizisten, Staatsanwälten und Richtern sein muss. Das hat die Landesregierung in ihren aktuellen Koalitionsvertrag aufgenommen. Ich bin froh, dass dies tatsächlich umgesetzt wird.

Der diesjährige Tag der Kriminalitätsopfer nimmt Senioren in den Fokus. Vor allem die Fälle von falschen Polizisten und Enkeltrickbetrügern reißen nicht ab. Verzeichnen auch Sie aus diesem Deliktbereich einen Zuwachs?

Dieses Kriminalitätsphänomen schlägt auch beim Weißen Ring vermehrt auf. In Einzelfällen zahlen wir die materiellen Schäden, wenn eine Bedürftigkeit vorliegt. In einem aktuellen Fall aus Hessen hatte die betroffene Person wegen einer Enkeltrick-Falle für zwei Monate nichts mehr zum Leben. Da haben wir finanziell unterstützt.

Wie lässt sich erklären, was diese Opfer durchmachen müssen?

Neben dem materiellen Schaden, kommt bei den Betroffenen häufig ein Gefühl der Scham und eine Beeinträchtigung des Selbstbewusstseins dazu, denn der Betrug ist ja ein Selbstschädigungsdelikt. Weil diese Betrugsmasche eben gerade ältere Menschen zum Ziel hat, die in manchen Fällen ohnehin schon eingeschränkt am Sozialleben teilnehmen, kann dies zu einer Verschärfung der Isolation führen. Die Opfer fühlen sich zum Teil nicht mehr in der Lage, allein das Haus zu verlassen, wähnen hinter jedem Baum einen Verbrecher und werden übervorsichtig.

Werden Senioren in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung noch öfter ins Ziel von Betrügern geraten?

Betrüger suchen sich immer Opfer aus, bei denen es vermeintlich am leichtesten ist, an Geld oder Wertsachen heranzukommen. Und das sind Menschen, die weniger abwehrbereit oder weniger aufmerksam erscheinen, bei denen man eine gewisse Einsamkeit und Kontaktbedürftigkeit ausnutzen kann. Das trifft in vielen Fällen aus Sicht der Straftäter bei Senioren zu. Die Kommunikation im Internet erleichtert natürlich die Begehung solcher Straftaten, schon weil der Täter aus einer gewissen Anonymität heraus handeln kann.

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