Aggressiv, unsauber: Immer mehr Miezen müssen zur Therapie

Spielchen für unterforderte Miezen: Katzenpsychologin Carmen Schell berät Menschen, die Probleme mit ihren Samtpfoten haben Foto: kb

Etwa 14,8 Millionen Katzen leben in deutschen Haushalten. Doch vor allem Wohnungstiere sind oft verhaltensauffällig. Immer mehr verzweifelte Besitzer holen sich deshalb Hilfe bei Tierpsychologen. Auch Carmen Schell aus Dieburg kann sich vor Anfragen kaum retten. Von Kristina Bräutigam

Region Rhein-Main – Die Menschen, die Carmen Schell um Hilfe bitten, sind mit ihrem Latein am Ende. Die 40-Jährige ist zertifizierte Katzenpsychologin – und für Miezen-Besitzer oft die letzte Rettung. „Die meisten Anrufer haben eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Sie haben alles versucht und kommen doch nicht weiter“, sagt Carmen Schell. Seit fünf Jahren ist die Dieburgerin mit ihrer mobilen Verhaltensberatung „Cattalk“ im Rhein-Main-Gebiet unterwegs. Mehr als 500 Haushalte hat die Katzenexpertin bereits beraten, Studenten gehören ebenso zu ihren Kunden wie Senioren. Auch Michaela Asmuß von „ThinkCat“ aus Bad Homburg kann sich über mangelnde Nachfrage nicht beschweren. In Stoßzeiten hat die Katzenverhaltenstherapeutin bis zu drei Beratungstermine pro Woche, Tendenz steigend.

Den Hauptgrund für die hohe Nachfrage sieht Patricia Lösche, Vorsitzende des Berufsverbands für Tierverhaltensberater und -trainer (VDTT), in der veränderten Einstellung zu den Haustieren. „Sie werden von ihren Besitzern zunehmend als Individuen wahrgenommen. Entsprechend sorgen sich inzwischen viel mehr Katzenbesitzer um das physische und psychische Wohlergehen ihrer Tiere und holen sich kompetenten Rat bei Verhaltenstherapeuten und -beratern.“ Ein weiterer Grund für den Bedarf sind die veränderten Lebensumstände. „Katzen werden heute in den Städten überwiegend in Wohnungen gehalten, die Besitzer arbeiten Vollzeit, Freigänger müssen sich ihr Revier in den Nachbargärten mit vielen anderen Katzen teilen“, sagt Carmen Schell. Die Folge: Verhaltensauffällige Stubentiger, die aggressiv sind, plötzlich die Möbel zerkratzen, nächtelang maunzen oder unsauber sind. Um die Ursache für das Problemverhalten herauszufinden, fahren die Verhaltenstherapeutinnen in der Regel zu den Besitzern nach Hause. „Zuerst muss eine organische Ursache ausgeschlossen werden. Erst dann kümmere ich mich um die Verhaltensebene“, sagt die Dieburgerin, die auch Tierheime bei Problemfällen berät.

Oft sind es nur Kleinigkeiten, die für ein besseres Miteinander zwischen Tier und Mensch verändert werden müssen. Eine Familie, die sie um Hilfe rief, hatte beispielsweise acht Katzenklos aufgestellt. Trotzdem machte die Katze ihr Geschäft auf dem Teppich. Carmen Schell fand schließlich heraus, dass die Bauart der Katzen-WCs Schuld war. Eine andere Toilette wurde angeschafft – und das Problem war gelöst. Etwas länger dauert es meist, wenn eine neue Katze einzieht. „Einfach zusammenwerfen funktioniert in den seltensten Fällen“, warnt Michaela Asmuß. Stattdessen sollte die Zusammenführung langsam und behutsam ablaufen, etwa indem beide Katzen erst mal in getrennten Bereichen der Wohnung bleiben. „Es ist am Ende wie bei uns Menschen. Wer freut sich schon, wenn plötzlich ein neuer Mitbewohner auf seinem Sessel sitzt.“

Auch die Wohnung ihrer Kunden nehmen die Katzen-Verhaltenstherapeuten genau unter die Lupe. Oft fehlen erhöhte Räume, etwa durch Regale, Schränke oder Balken, damit die Katze sich zurückziehen und klettern kann. „Eine Wohnungskatze ist gezwungen, 24 Stunden am Tag in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Umso wichtiger ist es, dass die Besitzer den Wohnraum den Bedürfnissen des Tieres anpassen“, sagt Carmen Schell, die auf Wunsch auch Handwerkerfirmen vermittelt. Trotzdem: Mit dem Kauf eines Katzenbalkons- oder -laufrads ist es nicht getan. „Der Besitzer muss seine Katze beschäftigen, sonst ist sie chronisch unterfordert“, sagt die Verhaltenstrainerin. Am besten gelinge das mit dem sogenannten Clicker-Training, bei dem die Miezen etwa spielerisch High-Five lernen und so körperlich und geistig gefördert werden.

Carmen Schell rät allen Katzenbesitzern, rechtzeitig auf die Signale ihrer Miezen zu achten. Dabei seien nicht nur nächtliche Randale oder ständiges Fauchen ein Grund zur Sorge. „Am traurigsten ist es für mich eigentlich, wenn eine Wohnungskatze nur noch schläft. Dann macht sie vielleicht keinen Ärger. Aber es geht ihr sehr schlecht.“

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