Teil 1 der Serie

Niko Kovac: Ein Trainer auf der Achterbahn

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Niko Kovac

Frankfurt feiert die Eintracht. Frankfurt freut sich auf Europapokalspiele. Eine aufregende Saison liegt hinter dem Klub und der großen Fangemeinde. Es gab viele Höhen und ein paar Tiefen in der Spielzeit 2017/2018. Am Ende stand die Eintracht auf dem Gipfel. Und eine ganze Region liegt ihr seitdem zu Füßen. Die Saison wurde geprägt von ganz unterschiedlichen Typen. Über den Trainer Niko Kovac, den Torwart Lukas Hradecky, den Anführer Kevin-Prince Boateng und den Baumeister Fredi Bobic zu erzählen, heißt die Saison zu erklären. Unser Mitarbeiter Peppi Schmitt tut dies in einer vierteiligen Serie.

Er war gekommen als Trainer-Neuling, aus der Arbeitslosigkeit, nachdem ihm ein halbes Jahr vorher der kroatische Fußball-Verband als Nationaltrainer den Stuhl vor die Tür gestellt hatte. Er ist gegangen als neuer Star am Trainerhimmel, nachdem er die Chance bei der Frankfurter Eintracht genutzt und den Absprung zum FC Bayern München gewagt hat. Zwischen dem 8. März 2015, als er Armin Veh abgelöst hat, und dem 22. Mai 2018, als er sich am Dienstag offiziell von den Mitarbeitern verabschiedet hat, lagen für Niko Kovac 805 aufregende Tage als Trainer der Eintracht, mit Abstiegskampf und Pokaltriumph, 91 Pflichtspielen, 41 Siegen, 17 Unentschieden und 33 Niederlagen.

Doch die starke Bilanz gibt nicht annähernd Auskunft über die Intensität der gut zwei Kovac-Jahre, über die Spuren, die er hinterlassen hat. Kovacs Zeit am Main glich von Beginn an einer Achterbahnfahrt, mit dem drohenden Absturz in der Relegation gleich zu Beginn, mit zwischenzeitlichen Höhenflügen und unerklärlichen Einbrüchen und mit einem tiefen persönlichen Fall, der am Ende doch in ein umjubeltes Happy-End mündete. Kovac hat sich viel zugemutet in Frankfurt, aber er hat auch anderen viel zugemutet. Er hat gearbeitet wie ein Berserker, er hat seine Chancen gesucht und er hat sie genutzt. Die Eintracht sollte ihm als Sprungbrett zu Höherem dienen, Bayern war das Ziel, der Olymp für jeden Trainer.

Kovac war zu Beginn seiner Frankfurter Zeit ein „Anfänger“, aber einer mit einer klaren Idee. Er hat das Training komplett verändert. Für Frankfurter Verhältnisse hat er es revolutioniert. Längere Einheiten, intensivere Arbeit. Die Tage waren lang für die Spieler. Pflege, Training, medizinische Tests, fast täglich Blutabnahmen, gemeinsames Frühstück, gemeinsames Mittagessen, lange Video-Sitzungen. Kovac hat sich wissenschaftlichen Erkenntnissen geöffnet, hat sich Spezialisten ins Team geholt. Der engere Kreis wurde immer weiter gezogen. Und er hat, gemeinsam mit Sportvorstand Fredi Bobic, eine Art Wagenburgmentalität vorgegeben. Reden durfte nur noch er selbst, die Spieler sollten es besser lassen. Das hat nicht jedem gefallen. Spieler mit eigenen Meinungen sind nicht so wirklich gut klargekommen mit dem Coach, Widerworte waren nicht erwünscht. Kovac hat das „Geheimtraining“ von der Ausnahme zu Regel gemacht, am Ende war es eine Art Selbstzweck ohne wirkliche nachvollziehbare Begründung oder Effekt. Einen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Abschottung gegenüber Medien und Fans und erfolgreichen Spielen kann nicht hergestellt werden. Vizemeister Schalke beispielsweise gibt sich in vielen Bereichen weitaus volksnäher, offener.

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Er ist seinen Spielern auf die Nerven gegangen. Denn Kovac, der Suchende, hat trotz seiner langen Profierfahrung nicht immer das nötige Feingefühl im Umgang mit der Mannschaft aufgebracht. „Manchmal ist weniger mehr“, hat er mal gesagt. Sich aber zu selten daran gehalten. Jeweils in der Rückrunde hat die Eintracht konditionell nachgelassen. Zu hartes Training wurde ihm vorgeworfen, zu wenige Ruhephasen. Kovac hat die Mannschaft nie in Ruhe gelassen, auch dann nicht, wenn Ruhe gefordert gewesen wäre. Dies war andererseits aber auch Grundlage der Stärke. Denn solange die Frankfurter Kraft hatten, solange waren sie in der Lage, auch mit spielerisch begabteren Mannschaften mitzuhalten. Das letzte Spiel, sein allerletzter Auftritt, hat ihm dann Recht gegeben. Noch einmal, ein einziges Mal, waren die Spieler in der Lage, alles aus sich herauszuholen. Die letzten Tropfen aus der vermeintlich ausgequetschten Zitrone haben gereicht, um die Bayern zu schlagen.

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Kovac alleine auf die Trainingsintensität zu reduzieren wäre im Positiven wie Negativen falsch. Er hat die Eintracht nicht nur in der Tabelle vorangebracht, es ist auch seine spielerische Entwicklung zu sehen. Die Eintracht kann längst mehrere Systeme spielen, das ist Kovacs Verdienst. Er hat es in diesem Frühjahr geschafft, die Mannschaft auf ein spielerisch höheres Niveau zu heben, noch nicht dauerhaft, aber immer öfter. Der in Berlin aufgewachsene Kroate hat die unzähligen Nationalitäten im Team unter einen Hut gebracht. Das hätten nicht viele geschafft.

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Kovac ist ein intelligenter Mensch, er reflektiert, er blickt über den Tellerrand hinaus. Er ist höflich, gut erzogen. Er steht zu seinen christlichen Wurzeln, er hat in den Gesprächen immer wieder hohe moralische Ansprüche an sich selbst gestellt. Er hat Werte vermittelt. Und wäre genau daran fast gescheitert. Die Umstände des Wechsels nach München haben für eine neue Sicht auf den vorher so verehrten Trainer gesorgt. Frankfurt hatte ihn auf Händen getragen, er sei der beste Trainer seit Menschengedenken am Main, hieß es, er wurde „lebenslanges Mitglied“ im Verein. Kovac war Eintracht, obwohl er bis zum Schluss im Hotel gewohnt hat. Und dann war nichts mehr, wie es vorher war. Bei der Moderation des Wechsels zu den Bayern war er über Wochen grundlegend falsch beraten. Es kam kein Wort der Selbstkritik oder des Bedauerns über seine Lippen. Von einem auf den anderen Tag hat er den „eiskalten Engel“ gegeben. Der Absturz in der öffentlichen Wahrnehmung war dramatisch. Selbst sein letztes Spiel, das große Finale, hatte mit einem Pfeifkonzert begonnen. Doch Erfolg heilt alle Wunden und so ist es zum Happy-End gekommen. Frankfurt und Kovac haben sich mit dem Triumph versöhnt. Er hat es sich verdient.

Quelle: op-online.de

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