Massive Lichtverschmutzung in Rhein-Main beeinflusst Mensch und Tier

Wenn die Nacht zum Tag wird

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Eine Lichtglocke liegt abends über der Stadt Frankfurt. Das irritiert nicht nur Tiere, sondern auch Menschen.

Region Rhein-Main – Sobald die Sonne untergeht, heißt es: Licht an! Dann werden Brücken, (Hoch-)Häuser, Plätze und Firmen im Rhein-Main-Gebiet hell erleuchtet. Nicht nur in Frankfurt. Lichtverschmutzung sei das, schimpfen Experten. Und unter der leiden nicht nur Tiere.  Von Julia Renner

Die Rhein-Main-Region ist eines der hellsten Gebiete in Deutschland“, sagt Andreas Hänel. Er leitet die Fachgruppe Dark Sky der Vereinigung der Sternfreunde, Deutschlands größtem, überregionalen Zusammenschluss von Amateur-Astronomen. „In Frankfurt ist das ein riesiges Problem und die Motivation, Lichter zu dimmen, ist gering“, sagt er. Vor allem das Lichtfestival Luminale ist ihm ein Dorn im Auge.

Die Lichter ziehen Insekten an und lassen Vögel mit Hochhäusern kollidieren. Und nicht nur das: „Alle nachtaktiven Insekten sind darauf geeicht, dass es nur eine Lichtquelle gibt: Den Mond“, sagt Wolfgang Nässig, Diplombiologe am Forschungsinstitut Senckenberg. „Wenn die Nacht zum Tag gemacht wird, kommen die Tiere durcheinander.“ Setzen sich Insekten nachts auf Lampen und bleiben bis zum Morgen dort, werden sie schließlich von Vögeln gefressen, sagt Nässig. Schon vor Jahren hat er sich mit dem Thema Lichtverschmutzung beschäftigt. Für ihn steht fest: Die Bemühungen, das Licht zu reduzieren, sind schwach. Außerdem fehle den Insekten eine Lobby.

Lichtermeer am Flughafen: Scheinwerfer zielen nicht nur auf den Boden. Das hellt die Atmosphäre auf.

Hell erleuchtete Häuser, Straßen und Plätze sind aber längst nicht nur für die Tierwelt ein Problem. „Das Licht ist der Taktgeber für das Wachsein“, sagt Dr. Albert Möller, Leiter des Schlaflabors am Krankenhaus in Frankfurt-Sachsenhausen. Entsprechend reagieren die Hormone, die den Körper entweder aufs Schlafen oder aufs Wachsein einstellen. „Wenn dieser Prozess außer Kraft gesetzt wird, führt das letztlich zu Schlafstörungen“, sagt Möller.

Im schlimmsten Fall könne die Schlafstörung chronisch werden. Und wenn sich der Körper nie erholen kann, leiden auch Konzentration und Leistungsfähigkeit. „Bei Kindern kann das beispielsweise zu Hyperaktivität führen.“

Selbst im Taunus ist es nicht wirklich dunkel

Eine hell erleuchtete Region wie der Raum rund um Frankfurt könne solche Schlafstörungen durchaus auslösen, ist sich der Oberarzt sicher. Ob durch Reklametafeln, die gegenüber vom Schlafzimmer hängen, oder LED-Straßenlaternen. „Es kommt auf die Zusammensetzung des Lichts an. Und LED ist ein besonderer Wachmacher.“

Über die nächtliche Lichtglocke über der Stadt klagt auch Volker Heinrich. Der 50-Jährige gehört dem Präsidium des Physikalischen Vereins Frankfurt an und ist begeisterter Hobby-Astronom. In die Sterne schauen kann er in der Stadt allerdings nicht. Dafür muss er schon in die Mittelgebirge fahren. „Und selbst der Taunus ist nur ein Kompromiss, dort ist es auch nicht wirklich dunkel.“

Werner Neumann, Leiter des Energiereferats des Frankfurter Umweltamts, sieht vor allem einen Interessenkonflikt: „Die einen wollen Energie sparen, andere wollen mehr Sicherheit, also mehr Licht.“ Dennoch komme das Thema Lichtverschmutzung immer mal wieder auf.

So sind Scheinwerfer, die in den Himmel strahlen, schon seit drei Jahren nur noch in Ausnahmen erlaubt. Und einige von Frankfurts Straßenlampen werden nachts gedimmt. Alle anderen Lichter leuchten jedoch weiter und hellen die Region auf. Auch in Offenbach ist Licht ein Thema. „Wir setzen verstärkt auf LED, um Energie zu sparen“, sagt Stadt-Sprecher Matthias Müller. Außerdem würden nachts einige Ampeln und Lichter ausgeschaltet. „Wir haben Leute, die sich über so etwas Gedanken machen.“

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