Mobbing, Psycho-Terror, Machtspiele: Immer mehr Jugendliche üben Gewalt per Mobiltelefon aus

Wenn das Handy zur Waffe wird: Mädchen mit Nacktbildern erpresst

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Aus Rache oder zur Belustigung verschicken besonders junge Männer Nacktbilder ihrer Freundinnen per Handy.

Frankfurt – Miriam liebt ihren Freund Steve. Es ist die große Liebe für die 15-Jährige. Seit fünf Monaten haben die beiden Sex. Danach hat Steve mit seiner Handy-Kamera Bilder von Miriam gemacht – nackt. Er hat ihr gesagt, wie schön er sie findet. Miriam hat nicht weiter darüber nachgedacht. Nun will sie sich von Steve trennen. Seine Eifersucht macht ihr das Leben schwer. Doch er droht ihr: „Wenn du Schluss machst, schicke ich die Bilder an alle deine Freunde.“ Miriam ist verzweifelt. Von Jennifer Dreher

So wie ihr geht es vielen Mädchen, weiß Angela Wagner vom Frauennotruf in Frankfurt. Und viele gehen noch weiter: „Die Erpressung hat schon dazu geführt, dass junge Männer ihre Freundinnen vergewaltigen und das alles mit dem Handy filmen.“ Das sind Extremfälle, die selten vorkommen. Die Ausmaße der digitalen Gewalt sind jedoch kaum abschätzbar. Polizei und Frauennotruf schätzen die Dunkelziffer an Opfern sehr hoch ein.

Infos zu dem Thema unter frauennotruf-frankfurt.de.

Gerade im sensiblen Teenager-Alter verhindern Scham und Angst, dass die Opfer Hilfe suchen. Häufig wenden sie sich an den Fraunnotruf. „Als sich die Fälle von digitaler Gewalt häuften – im vergangenen Jahr waren es 54 –, mussten wir reagieren.“ Seit dem Frühjahr läuft deswegen eine Kampagne, die Schüler und Lehrer für das Thema sensibilisieren soll.

An der Holbeinschule in Sachsenhausen hat Wagner mit ihrem Team am Mittwoch Info-Flyer verteilt. Ein nacktes Mädchen im Cartoon-Stil ist im Inneren zu sehen. Eine Gruppe Zwölfjähriger findet die „pervers“. Für die Mädchen ist Sex noch ein Tabuthema. Sie kichern beschämt. Für sie ist klar: „Wenn meine Freundin Nacktbilder von sich machen lässt, dann will ich nichts mehr mit ihr zu tun haben.“

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Doch solche Bilder entstehen auch unfreiwillig. „Wir haben viele Fälle, in denen das Handy einfach unter die Toilettentür geschoben und dann ein Foto gemacht wird.“, berichtet Wagner. „Die Jugendlichen wissen teilweise besser mit der neuen Technik umzugehen als Erwachsene“, sagt Rüdiger Lang, Schulleiter der Holbeinschule.

Junge Männer nutzen moderne Software, um die Handys ihrer Freundinnen zu orten und so jeden Schritt zu verfolgen. Für die Mädchen ist das Psycho-Terror. Die Jungs wollen damit Macht demonstrieren. Manche Opfer wissen nicht einmal, dass sie unter Beobachtung stehen.

Und wenn sie es erfahren, sind die Opfer meist hilflos. Wer Angst hat, mit Eltern oder Lehrern zu sprechen, kann sich an den Frauennotruf wenden (siehe unten). „Zeit ist ein wichtiger Faktor“, warnt Angela Wagner: „Umso früher die Jugendlichen kommen, desto mehr Möglichkeiten haben wir, die Sache aus der Welt zu schaffen.“

Doch auch der Gang zur Polizei ist ratsam. „Es ist wichtig, dass die Opfer Anzeige erstatten“, appelliert Jürgen Linker, Pressesprecher der Polizei in Frankfurt.: „Je mehr Zeugen es gibt und Beweise vorliegen, desto besser. Denn nur dann können wir der Sache nachgehen, Inhalte löschen oder einstweilige Verfügungen erwirkt werden.“

Das will auch Miriam machen, damit ihr Freund sie nicht mehr terrorisiert.

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