Qualität lässt nach

Weniger Publikum, strengere Auflagen: Kirmes in der Krise

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Achterbahn und Co. sind beliebt, doch Auflagen und steigende Kosten machen den Betreibern zu schaffen.

Region Rhein-Main – Zahlreiche Volksfeste stehen in den nächsten Wochen an – Kettenkarussell und Riesenrad gehören oft genauso dazu wie Bratwurstbude und Weinstand. Doch nicht nur EU-Richtlinien machen den Betreibern der Fahrgeschäfte das Überleben schwer. Von Angelika Pöppel

Das Volksfest in der Krise: Energiekosten und Standgebühren steigen und die Qualität nimmt ab. Betreiber von großen Fahrgeschäfte, die Nervenkitzel und Action versprechen, lassen kleinere Feste aus. Und viele Volksfest-Organisatoren setzen dann auf „Lückenfüller“: Kleine Buden, die völlig untypisch Sonnenbrillen und Jeanshosen verkaufen. „Das hat mit der Volksfest-Tradition doch gar nichts mehr zu tun!“, schimpft Fahrgeschäft-Betreiber Peter Roie. Auch Familie Roie hat erste Konsequenzen gezogen. „Wir sind nur noch auf publikumsstarken Festen vertreten und haben kleinere Kirmessen aus dem Programm genommen“, sagt Roie. So ist der 52-Jährige mit Kettenkarussell, Taumler und Co. nicht mehr auf dem Bad Vilbeler Markt, dem Hainerfest und der Herbstmesse in Darmstadt zu sehen. Dazu kommt, dass seit der Katastrophe bei der Love-Parade in Duisburg 2010 die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden sind. „Bürokratische Monster wie die ‘innerbetriebliche Gefährdungsbeurteilung‘, das ‘Arbeitszeitgesetz‘ und die ‘Mindestlohndokumentationsverordnung‘ rauben unseren Mitgliedern den Schlaf“, sagt Roger Simak, Geschäftsführer des hessischen Schaustellerverbands. Unterm Strich bleibe nicht mehr viel bei den Schaustellern hängen.

Ältere Fahrgeschäfte müssen aufgemöbelt werden

Peter Roie arbeitet in der fünften Generation auf dem Rummelplatz: „Ich bin seit Kindesbeinen an mit Herzblut dabei.“ Doch die Familientradition muss derzeit durch eine weitere harte Prüfung. Laut EU-Richtlinie müssen alle seit 2005 konstruierten Fahrgeschäfte neuen Standards gerecht werden. So weit kein Problem. Doch der Bundestag fordert diese Sicherheitsstandards auch für ältere Spaß-Geräte. „Allein die Prüfung eines Gerätes kann bis zu 3500 Euro kosten. Und bis dahin wurde noch nichts getan“, sagt Verbands-Geschäftsführer Simak.

Für Roie eine Katastrophe: „Meine insgesamt vier Fahrgeschäfte sind Klassiker und über 25 Jahre alt. Die werden schon seit Jahren nicht mehr hergestellt. Aber sie sind immer noch sehr beliebt.“ Abgesehen von den hohen Kosten, die auf den Schausteller zukommen, sei die Anwendung der Richtlinie unsinnig. „Wenn Bauteile mit einer höheren Belastbarkeit eingetauscht werden, verändert das die gesamte Dynamik. Daraus ergibt sich ein Risiko, dass keiner einschätzen kann.“ Sowieso werden die Fahrgeschäfte alle vier bis sechs Jahre kontrolliert – „das hat sich seit 30 Jahren bewährt.“

Autoscooter und Co. auf dem absteigenden Ast

„Die Kirmes an sich ist kein Selbstläufer mehr“, sagt Roie. Gerade junge Besucher setzen immer mehr auf „höher, schneller, weiter.“ Deshalb schätzt der 52-Jährige die Zukunft nicht rosig ein: „Vielen wird nichts anderes übrig bleiben, als umzusatteln. Dann gibt es statt Autoscooter eben einen Bratwurststand mehr.“ Die einzige Lösung sieht er in gezielter Werbung: Erfolgreiche Beispiele sind die Frankfurter Dippemess und der Wäldchestag. Generell sei das Geschäft mit dem Volksfest im Rhein-Main-Gebiet aber schwieriger als etwa in Bayern. Roie: „Dort tragen sogar junge Menschen wieder Tracht.“

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