Nach Prügelattacke auf 90-Jährige suchen Experten nach Antworten:

Was Mädchen prügeln lässt

+
Die Brutalität bei Mädchen steigt offenbar.

Region Rhein-Main – Die neuen Schläger tragen Lippenstift und Nagellack: Viele Mädchen schrecken heutzutage vor einer Prügelei nicht mehr zurück. Mehr noch. Sie ziehen pöbelnd durch die Straßen auf der Suche nach Stress.Von Christian Reinartz 

Trauriger Höhepunkt: Zwei Mädchen haben in Oberursel vor wenigen Tagen eine 90-Jährige ins Krankenhaus geprügelt. Experten aus der Region erklären, warum Mädchen oft keinen Ausweg mehr sehen, als immer brutaler zuzuschlagen. Die Zahlen haben sich innerhalb der vergangenen 25 Jahre verfünffacht. Aus einstmals etwa 2100 Gewaltdelikten, die bundesweit von Mädchen begangen wurden, sind heute gut 10.100 Fälle geworden. Zwar ist die Quote seit drei Jahren wieder etwas rückläufig. Die Brutalität, mit der die jungen Schlägerinnen vorgehen ist aber oft beispiellos.

Wie es zu den gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, wissen die Mitarbeiterinnen des Frankfurter Kinder- und Jugendhilfevereins. Dort müssen verurteilte Schlägerinnen auf Anordung des Gerichts an Kursen und Beratungsstunden teilnehmen. Der Ablauf ist meist ähnlich: Erst spricht ein Mädchen schlecht über das andere. Dann sprechen die Fäuste. Es sind oft zwischenmenschliche Beziehungen, die aus braven Mädchen prügelnde Maschinen machen. Aber die Gewalt kann sich auch ziellos gegen das nächstbeste Opfer richten, das sie auf der Straße treffen, wie gerade in Oberursel geschehen.

„Die Brutalität hat zugenommen“

Die Mädchen sind oft bis zum Platzen geladen“, sagt Sozialpädagogin Dagmar Ehmer-Jundel vom Frankfurter Verein Kinder- und Jugendhilfe. „Da langt dann manchmal nur eine Kleinigkeit, die sie ausrasten lässt.“ Die Mädchen seien dann wie in einem Wahn. Ein Wahn, mit dem sie eigene Gewalterfahrungen und Unterdrückung kompensierten. „Viele dieser Mädchen sind selbst geschlagen worden oder haben gerade in Migrantenfamilien zu Hause wenig zu melden“, erklärt Sozialarbeiterin Hilde Lüssem. Sie arbeitet seit 21 Jahren mit Schlägerinnen aus dem Rhein-Main-Gebiet zusammen: „Es ist schlimmer geworden.“ Auch Dr. Thomas Dreisörner von der Pädagogischen Psychlogie der Uni Frankfurt sagt: „Die Brutalität hat zugenommen. Das belegen große Studien.“ Den Grund dafür sieht Dreisörner darin, dass die Mädchen heute häufiger sozial verwahrlosten. „Die Eltern kümmern sich oft nicht mehr in dem Maße um ihre Kinder“, sagt der Psychologe. Damit gehe die Vorbildfunktion verloren.

Wichtig ist ihm: „Es betrifft nicht nur sozial schwache, sondern auch gut betuchte Familien, bei denen die Eltern arbeiten.“ Dreisörner vermutet aber noch einen weiteren Aspekt hinter der steigenden Gewalt. „Durch die wachsende Beliebtheit von Facebook und anderen sozialen Netzwerken nimmt der persönliche Kontakt zwischen den Jugendlichen ab. Gerade der hat aber eine regulierende Funktion.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare