Ein Jahr lang durfte Alexander nicht zur Schule gehen

„Warum darf unser behinderter Sohn nicht zur Schule?“

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Nataliya und Andriy Popkov vermissen ihren Sohn Alexander (Foto vorne mit Schwester).

Langen – Weil ein schwerbehinderter Junge aus Langen zu wild gestikuliert, will das Schulamt Offenbach ihn nicht mehr regulär beschulen. Seit einem Jahr. Die Forderung: Der Junge braucht einen Qualifizierten Integrationsbeauftragten, der ihn begleitet. Doch den will niemand finanzieren. Von Christian Reinartz

Als einzige Alternative, schlagen Schulamt und Kultusministerium eine Unterbringung in einem Heim vor.

Alexander Popkov ist 13, aber auf dem geistigen Stand eines Dreijährigen. Seit sieben Jahren besucht er die Langener Janusz-Korczak-Schule, die auf solche Kinder spezialisiert ist. „Es war nie einfach mit Alexander“, gibt Mutter Nataliya Popkov zu. „Aber das ist bei einem behinderten Kind doch normal.“ Dass die Schule sich vor einem Jahr plötzlich geweigert habe, ihren Jungen weiter zu unterrichten, sei für sie unbegreiflich. „Er durfte einfach nicht mehr die Schule besuchen“, sagt Vater Andriy Popkov. Als Grund wird den Eltern die steigende Aggressivität des Jungens genannt. Er soll Mitschüler geschubst und eine Lehrerin beim Gestikulieren an der Wange getroffen haben, so die Eltern. „Aber einen Nachweis darüber oder eine Dokumentation haben wir bis heute nicht gesehen“, sagt Popkov.

Trotzdem stellt sich das Schulamt Offenbach hinter seine Schule, teilt die Meinung, dass Alexander nicht mehr regulär zu beschulen sei.

Die Eltern können das nicht fassen. „Unser Sohn hat ein Recht darauf, in die Schule zu gehen. Das ist doch wichtig für seine Entwicklung“, sagt Andriy Popkov. Übergangsweise bekommt Alexander einen Betreuer, der nach Hause kommt oder wenige Stunden Einzelunterricht durchführt. „Aber in den normalen Unterricht durfte unser Junge nicht.“ Dabei gibt es zwei Gutachten, eines der Vitosklinik Dietzenbach und eines einer anerkannten Spezialistin. Beide empfehlen eine intensive pädagogische Betreuung und Beschulung.

Die Eltern suchen deshalb das Gespräch mit dem Schulamt. Doch dort will man den Unterricht nur mit einem Qualifizierten und teuren Integrationshelfer fortsetzen, der Alexander die ganze Zeit zur Seite steht. Wie Schulamtsleiter Peter Bieniußa in einem Brief den Eltern mitteilte, „ist Alexander ohne eine solche Betreuung jedoch nicht beschulbar.“

Einziges Angebot: Ein Heim für Alexander

Das Kuriose: Schulamt und Kultusministerium sind der Auffassung, dass der Kreis Offenbach als Schulträger diesen Helfer bezahlen müsste. Kreissprecher Ralf Geratz-Krambs: „Das stimmt nicht. Das ist eine pädagogische Leistung und Sache des Schulamts. Wir würden nur einen normalen Helfer finanzieren.“

Als der EXTRA TIPP das Schulamt mit dem Fall konfrontiert, verweist man gleich ans Hessische Kultusministerium. Dort nimmt man das Schulamt und auch die Schule in Schutz. Man habe alles getan, um eine Beschulung zu ermöglichen, aber Alexander sei so aggressiv, dass man keine andere Wahl habe. Eine Beschulung könne vor Ort nur noch mit einem Qualifizierten Integrationshelfer erfolgen.

Auf die Frage, ob es Nachweise, oder zumindest Dokumentationen, über sein angebliches Verhalten gebe, weiß man nichts. Gegen den Vorwurf der Eltern, dem Kind keine Alternative zu bieten, verwahrt man sich in Wiesbaden: Man habe die Eltern früh auf die Jugendhilfe hingewiesen und die damit verbundene Möglichkeit angeboten, das Kind in ein Heim zu geben, wo eine Beschulung erfolgen könnte. Für die Eltern eine schreckliche Vorstellung. „Aber nach einem Jahr zuhause mussten wir handeln, sonst hätte sich Alexanders Entwicklung noch mehr verzögert.“ Alexander ist auf Kosten seiner Eltern seit zwei Wochen in einem Internat in Wetzlar, wo ebenfalls keine Aggressivität aufgefallen sei. Nataliya Popkov: „Aber wir lassen ihn nur so lange dort, bis das Schulamt akzeptiert, dass unser Sohn hier beschult werden muss. Dafür kämpfen wir weiter.“

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