Viele Ärzte sind mit Opfern sexueller Gewalt überfordert

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Es liegt nicht nur an den Betroffenen: Viele Ärzte scheuen vor einem offenen Gespräch mit Vergewaltigungsopfern zurück.

Region Rhein-Main – Mehr als 680 Vergewaltigungsopfer haben vergangenes Jahr den Frankfurter Frauennotruf gewählt. Bei den Gesprächen zeigt sich: Noch immer sehen zu viele Betroffene von einer Anzeige ab. Von Dirk Beutel

Dazu kommt, dass ausgerechnet Ärzte mit ihrer Zurückhaltung einer dringend notwendigen Beweissicherung im Weg stehen können.

Jede Beratungsstelle rät Opfern sexueller Gewalt, so schnell wie möglich einen Arzt aufzusuchen. Bis zu 72 Stunden nach einer Tat haben die Betroffenen in der Regel dazu Zeit, damit die Spuren einer Vergewaltigung dokumentiert und gerichtsfest aufbewahrt werden können. Das Fatale: Viele Ärzte scheuen das offene Gespräch mit den traumatisierten Patienten. „Diensthabende Assistenzärzte im Nachtdienst oder Allgemeinmediziner sind mit so einer Situation häufig überfordert. Sie haben keinen Ablaufplan im Kopf“, sagt Allgemeinmedizinerin Ulrike Berg, Mitglied des Deutschen Ärztinnenbundes. „Zumal es die Ärzte selbst auch seelisch belastet. Schließlich werden sie mitunter mit grauenhaften Geschichten konfrontiert.“

Dazu kommt das enge Zeitfenster der Ärzte: „So eine Untersuchung dauert bis zu einer Stunde. Das sprengt jeden Nachtdienst und jede Sprechstunde. Das passt einfach nicht in den Klinik-Alltag. Auch deshalb meiden viele Ärzte das Gespräch. Das verhindert auch die wichtige Spurensicherung“, sagt Berg. Außerdem ist nicht klar geregelt, wer für diese Untersuchung bezahlt. Meist bleibt der Arzt oder die Klinik auf den Kosten sitzen.

Dabei könnte die Lösung so einfach sein: „Wer über eine entsprechende Qualifikation und das nötige Equipment verfügt, könnte zum Beispiel eine Rechung an einen Kostenträger, etwa an das Versorgungsamt schicken. Das wäre durchaus ein Anreiz“, sagt Berg. Obwohl solche Fortbildungen höchstens zwei Stunden dauerten, sei das Interesse der Kollegen mehr als dürftig. Berg: „Oft sind es nur eine Handvoll interessierter Ärzte.“

Auf eine Anzeige zu verzichten kann sich später rächen

Doch selbst wenn ein Mediziner das Fachwissen und das nötige Equipment besitzt, scheuen immer noch viele Opfer davor zurück, ihren Peiniger anzuzeigen und lehnen deshalb eine Spurensicherung ab. „Viele sind ohnehin schon traumatisiert und wollen nicht noch einmal mit dem schrecklichen Erlebnis konfrontiert werden und alles von vorne durchleben müssen“, sagt Simone Holler, Mitarbeiterin im Frankfurter Autonomen Frauenhaus und Mitglied des Vereins Frauen helfen Frauen.

Ein Fehler, der sich im Nachhinein rächen kann. Denn, wie der Alltag vieler Beratungsstellen offenbart, tauchen auch Jahre später immer wieder Betroffene auf, die im Nachhinein bereuen, keine Anzeige erstattet zu haben. Grund: Keine Unterstützung von Freunden oder aus der Familie. Zumal sich zu der Angst und den Schmerzen immer öfter Verunsicherung mische.

Frauenhäuser sind mittlerweile in der Gesellschaft angekommen. Doch dass es von Vorteil ist, nach einer Vergewaltigung zum Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen, ist immer noch etwas anderes“, sagt Simone Holler: „Und selbst wenn: Es kommt selten vor, dass Betroffene das Strafverfahren durchziehen.“

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