Öfter als viele glauben

Videokameras im Alltag: Hier werden Sie überwacht!

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Region-Rhein Main – Wir werden rund um die Uhr gefilmt! Ganz so schlimm ist das noch nicht? Von wegen! Der EXTRA TIPP erzählt anhand des fiktiven Alltags eines Offenbachers, wo er täglich ungewollt Videodarsteller ist. Von Oliver Haas

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Unser fiktiver Bürger, nennen wir ihn Rico, wohnt am Marktplatz in Offenbach. Sobald er seine Haustür verlässt, wird er bereits von einer der drei installierten Videokameras in der Totalen aufgezeichnet. Dieter Weigand vom Ordnungsamt Offenbach sagt wieso: „Den Offenbacher Marktplatz überwachen wir seit 2004. Der Grund war eine offene Drogenszene in diesem Bereich. Und die Installation der Kameras hat sich eindeutig gelohnt.“ Denn laut Weigand sei diese zu fast hundert Prozent verschwunden. „Die Aufnahmen werden für etwa sieben Tage gespeichert“, sagt Weigand. Und niemand sieht die Bilder. Erst auf Anfrage der Polizei, etwa wenn es ein Raubüberfall gegeben hat, würden die Videodokumente ausgewertet.

Die nächste Aufzeichnung von Rico ist sogar eine Nahaufnahme. Am Bankautomaten der Sparkasse wird er natürlich auch gefilmt. Und dass er sich mit Medikamenten nebenan versorgt – eine Kamera nimmt alles auf. Hungrig macht er sich in die Offenbacher Fußgängerzone. Ein leckeres Croissant soll es im SB-Backladen an der Ecke Herrnstraße sein. Dort wird er gleich von drei Kameras in den Fokus genommen. Inhaberin Gül Ceyran hat diese vor einem Monat an den Decken montieren lassen. Der Grund: In zwei Jahren sei bereits drei Mal eingebrochen worden.

Gestärkt fürs Erste geht Rico shoppen im Kaufhof. Auch hier wird er beim Betreten des Ladens mit einem Schild darauf hingewiesen, dass er fortan gefilmt wird. Und dies muss auch so sein. Ulrike Müller, Sprecherin des hessischen Datenschutzbeauftragten Michael Ronellenfitsch erklärt:„Grundsätzlich gibt es in Deutschland keine Meldepflicht für Überwachungskameras. Deshalb kann niemand sagen, wie viele Kameras aufzeichnen. Allerdings muss auf jede Kamera, die im öffentlichen Raum steht, ganz klar mit einem Schild hingewiesen werden.“

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Und da so ein Bummel hungrig macht, will er in der Geleitstraße Essen gehen im Restaurant Ye Babam Ye. Eine freundliche Bedienung begrüßt ihn – und auch gleichzeitig drei digitale Augen, die an der Restaurantdecke montiert sind. Geschäftsführer Cam Ulusoy hat seit zwei Jahren Kameras in seinem Restaurant. „Man weiß nie, wofür das gut sein kann. Passiert ist zum Glück noch nichts. Wir mussten die Aufzeichnungen noch nie auswerten. Aber man fühlt sich einfach sicherer wenn man mal kurz den Raum verlassen muss.“

Nach dem Essen gönnt sich Rico einen Kaffee in der Steh-Bäckerei um die Ecke. Selbst hier wird er dabei gefilmt, wenn er den Kaffeebecher entgegennimmt und bezahlt. Um das Mittagessen zu verdauen, will Rico jetzt im Wetterpark mit seiner Freundin spazieren gehen. Hand in Hand schlendert er durchs Offenbacher Naherholungsgebiet. Auch hier wird er beobachtet von zahlreichen Kameras. Matthias Müller Sprecher der Stadt Offenbach erläutert die Gründe: „Wir haben hier Kameras installiert. Der Grund ist zum einen, dass wir gerade am Wochenende eine hohe Besucherzahl haben und oft sehr viel Müll dagelassen wird. Und zum anderen erleben wir häufig viele Sachbeschädigungen.“

Kamera in der Schwimmbad-Grotte

Weil Ricos Freundin Frankfurterin ist, verbringen die beiden danach einen romantischen Abend in der Titus-Therme in Frankfurt. Endlich wird Rico nicht gefilmt. Zumindest bis er es sich mit seiner Freundin in der Grotte gemütlich macht. Denn: Die Grotte wird gefilmt. „Das ist eine Stelle, die von der Badeaufsicht leider nicht immer von außen einsehbar ist“, erklärt Frank Müller, Geschäftsführer der Bäderbtriebe Frankfurt.“ Unter Wasser wird auf keinen Fall gefilmt, stellt er klar. Normalerweise besucht Rico das Monte-Mare Erlebnisbad in Obertshausen. Aber auch ist im Wirlpool stets eine Kamera auf ihn gerichtet. Marketingleiter Jörg Zimmer schildert: „Wir sehen die Kameras als verlängertes Auge des Bademeisters.“ Und nach 24 Stunden würden die Aufnahmen auch wieder gelöscht und nur in Rücksprache mit der Polizei verwendet.

Oliver Haas

Oliver Haas

E-Mail:oliver.haas@extratipp.com

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