Experten warnen

Orthorexie: So krank kann gesundes Essen machen!

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Nach dem Magerwahn, kommt die Sucht nach gesundem Essen. Die fanatische Ernährungsweise hat auch schon einen Namen: Orthorexie.

Region Rhein-Main – Gesunde Lebensmittel sind in aller Munde und nie war es hipper, sich bewusst zu ernähren. Doch auch das hat seine Grenzen. Immer mehr Menschen leiden unter einem Ernährungs-Wahn – der Orthorexie. Von Angelika Pöppel

Ein koffeinfreier Cappuccino mit Reismilch, bitte! Dazu ein Mangopüree auf Chia-Samen und eingelegte Lotusblüten. Ungesundes kommt nicht mehr auf den Teller. Für die einen mehr, für die anderen weniger. Für Orthorexier am wenigsten. Denn sie leiden unter der Sucht nach gesundem Essen. Die Food-Fanatiker streichen so lange alle ungesunden Lebensmittel von ihrer Einkaufsliste, bis kaum noch etwas übrig bleibt.

„Nicht jeder Veganer oder Vegetarier neigt dazu, an Orthorexie zu leiden, aber für viele ist es der Einstieg in die Sucht“, sagt eine Sprecherin vom Zentrum für Essstörungen in Frankfurt. Allerdings ist diese extreme Ernährung noch keine diagnostizierte Essstörung wie Magersucht oder Bulimie. „Es sind keine klaren Symptome bestimmt und deshalb gibt es auch noch keine Therapieformen“, sagt Fritz. Auch Dr. Juliane Yildiz von der Justus-Liebig-Universität in Gießen bestätigt: „Die Datenlage ist derzeit noch zu dünn.“

Leben dreht sich nur noch um gesunde Ernährung

Fest steht aber: Immer mehr Menschen suchen Hilfe, weil sich das komplette Leben nur noch um die gesunde Lebensweise dreht. Schuld daran, ist auch der allgegenwärtige Trend zur bewussten Ernährung. Nicht nur Bio-Supermärkte und vegane Restaurants haben sich darauf eingestellt, an jeder Pommesbude gibt es mittlerweile einen Veggie-Burger. „Lebensmittelskandale, Pestizide im Gemüse und negative Umwelteinflüsse haben die Menschen verunsichert. Viele versuchen ihre eigene Ernährung, deshalb stärker zu kontrollieren“, sagt Dr. Heike Winter, Vize-Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. Hinzu kommt der gesellschaftliche Druck und die angestrebte Selbstoptimierung. Denn „dünn sein“, werde immer noch mit leistungsstark assoziiert, „dick“ dagegen mit faul.

Zwanghaftes Verhalten

Deshalb sind aber noch lange nicht alle krank. „Es ist schwierig abzugrenzen, wer tatsächlich unter einer Sucht leidet“, sagt Dr. Heike Winter. Doch es gebe Faktoren, die auf eine krankhafte Ernährung hinweisen. Dazu zählt, Geld für teure Lebensmittel auszugeben, das man gar nicht hat. Den kompletten Alltag auf gesundes Essen abzustimmen, Freunde nicht mehr zu treffen oder nicht mehr ins Restaurant zu gehen. Extrem wird es, wenn Angst die Ernährung bestimmt: Also, zwanghafte Angst zu empfinden, wenn die selbst auferlegten Regeln nicht mehr eingehalten werden.

Winter stellt aber klar, dass eine vegane oder vegetarische Lebensweise keinesfalls ungesund sein muss. Doch viele Verweigerer von tierischen Produkten sorgen sich nicht um eine ausgewogene Ernährung und verfügen nur über gefährliches Halbwissen.

„Generell gilt die alte Regel – alles in Maßen zu geniessen – heute genauso wie vor 20 Jahren“, sagt Juliane Yildiz und fügt hinzu. „Den Bauch entscheiden zu lassen, was wir essen, haben wir leider verlernt.“

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