Die unsichtbare Gefahr im Glas

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In Frankfurter Clubs geben Unbekannte K.o.-Tropfen ins Getränk, um Frauen gefügig zu machen.
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Frankfurt - Plötzlich lässt sich der Körper nicht mehr kontrollieren und Frauen werden zu Sklavinnen von gierigen Sexmonstern – die Folgen von K.o.-Tropfen. Der EXTRA TIPP berichtet von zwei jungen Frauen, die den Horror in Frankfurter Clubs erlebten. Von Angelika Pöppel

An einem Samstagabend bestellt sich Corinna (Name geändert) in der Bar99 in Frankfurt Redbull mit Wodka. Sie unterhält sich mit ihren Freunden, will einen netten Abend verbringen. Corinna und ihre Freunde besuchen die Bar zum ersten Mal. Es ist dunkel. In der Luft liegt Zigarettenqualm. In dem verwinkelten Raum drängen sich die Gäste. Nach rund zehn Minuten will sich Corinna setzen und stellt ihr Glas ab. Nur kurz dreht sie ihrem Getränk den Rücken zu. Im nächsten Augenblick greift sie wieder danach und nimmt einen Schluck. Ihr Glas ist noch über die Hälfte gefüllt, da fragt ihr Freund besorgt: „Ist alles klar?“ In diesem Moment trifft es sie wie einen Schlag. Ihre Arme und Beine sind schwer, der ganze Körper kann sich nicht mehr aufrecht halten. Sie lallt. „Ich war plötzlich müde, wollte nur noch schlafen“, sagt Corinna. Ihre Augen sind weit aufgerissen, erzählen später ihre Freunde. Und sie sei völlig orientierungslos gewesen. Ab diesem Moment beginnt der Filmriss. Erst an den nächsten Morgen kann sich die 30-Jährige wieder erinnern. „Ich habe mich gefühlt, als hätte ich die Grippe, meine Glieder schmerzten und ich war den ganzen Tag benebelt“, sagt Corinna.

Ihre Freunde reagierten sofort, zerrten die junge Frau in ein Taxi. Sie vermuteten, dass ihr Drogen verabreicht worden. Deshalb bewegen sie Corinna dazu, sich zu übergeben.

"Im schlimmsten Fall kriegen sie alles mit, können sich aber nicht wehren"

Doch nicht immer verlaufen solche Fälle so glimpflich, weiß Gudrun Wörstdörfer vom Frankfurter Frauennotruf. Wenn eine Frau mit Drogen im Glas betäubt werde, gehe es ganz klar um die Absicht, sie zu vergewaltigen. Auch vor Frauen in Gruppen schrecken Täter nicht zurück, in der Hoffnung, sie unbemerkt von den Bekannten zu trennen. „Die Opfer verlieren die Kontrolle über ihren Körper. Im schlimmsten Fall kriegen sie alles mit, können sich aber nicht wehren. Andere können sich an rein gar nichts mehr erinnern“, sagt Wörstdörfer.

Die fehlende Erinnerung ist der Grund, warum wenige Opfer Anzeige erstatten. Auch beim Frauennotruf melden sich nur rund 20 Betroffene im Jahr. Doch Opfer gibt es viel mehr: „Viele wissen gar nicht, dass ihnen Drogen verabreicht wurden, andere schämen sich“, sagt Wörstdörfer. Auch bei der Frankfurter Polizei sind nur wenige Fälle bekannt. „Die Drogen sind im Körper meistens nicht mehr nachweisbar. Das macht eine Anzeige schwierig“, sagt Manfred Vonhausen, Pressesprecher der Polizei Frankfurt.

Der EXTRA TIPP konfrontiert die Bar-Besitzerin mit dem Vorfall

Der EXTRA TIPP konfrontiert die Besitzerin der Bar99 mit dem Vorfall. „Uns ist der Fall bisher nicht bekannt gewesen. Falls irgendetwas vorfällt, so bitten wir unsere Gäste darum, uns das unverzüglich mitzuteilen. Unser Lokal ist videoüberwacht, wir haben die Möglichkeit, die Aufnahmen an die Polizei weiter zu geben“, sagt Besitzerin Mia Auth. Die Bar99 befindet sich in den Räumen der ehemaligen Vinylbar an der Hanauer Landstraße. Das Frankfurter Ordnungsamt hatte die Bar nach mehreren Razzien geschlossen, da auch Betäubungsmittel bei den Gästen gefunden wurden. „Seitdem es die Bar99 unter unserer Leitung gibt, ist nichts Vergleichbares vorgefallen, auch wenn es in der früheren Vinylbar immer wieder zu negativen Vorfällen kam“, sagt Auth.

K.o.-Tropfen-Vorfall auch im Club 101

Doch auch in exklusiveren Lokalitäten, wie dem Club 101 im Japan Center, ist man vor K.o.-Tropfen scheinbar nicht sicher. Isabelle (Name geändert) macht sich am vergangenen Samstag mit ihren Freundinnen auf den Weg in den Club 101 – im 25. Stock mit Blick über ganz Frankfurt. Die 27-Jährige bestellt sich an der Bar einen Longdrink. Gut gelaunt stoßen die Frauen auf einen schönen Abend an.

Nach einer Viertelstunde beobachten ihre Freundinnen, wie Isabelle beim Tanzen anfängt unkontrolliert zu schwanken. Eine der Frauen spricht Isabelle an – in diesem Moment sackt ihr Körper zusammen. Gerade noch kann sie Isabelle auffangen und sie auf einen Sessel setzen. Im nächsten Moment verliert die junge Frau das Bewusstsein. Ihr Getränk hat sie zur Hälfte getrunken. Die Freundinnen rütteln an der 27-Jährigen, bis sie wieder zu sich kommt. Auf der Toilette übergibt sie sich. Ohne lange zu zögern, bringen die Freundinnen Isabelle nach Hause. Dort muss sie sich mehrmals übergeben. Auch Isabelle verliert komplett die Erinnerung an den Abend.

Joachim Schmidt vom Club 101 will noch nie von solch einem Fall in der Diskothek gehört haben. „Wenn es passiert sein sollte, sollte sie zur Polizei gehen“, sagt Schmidt. Doch Isabelle und auch Corinna haben keine Anzeige erstattet. Und so bleiben auch diese Fälle der Polizei unbekannt.

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Angelika Pöppel

Angelika Pöppel

E-Mail:angelika.poeppel@extratipp.com

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