Nicht mal am Stammtisch ist Platz für plumpe Hetzparolen

EXTRA TIPP auf der Suche nach der Fremdenfeindlichkeit

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Ein Prosit der fremden Kultur! Wie auf unserem Symbolbild spielt an Stammtischen in unserer Region Fremdenfeindlichkeit offenbar eine untergeordnete Rolle.

Region Rhein-Main – Sind wirklich so viele Menschen latent fremdenfeindlich? Der EXTRA TIPP hat dort nachgefragt, wo eigentlich die meisten plumpen Vorurteile  zu Hause sein sollten: An den Stammtischen der Region. Das Ergebnis verblüfft. Von Axel Grysczyk  und Christian Reinartz 

Sie heißen „Alemannia“, „Stadtschänke“ oder „Zielscheibe“ und stehen für die Eckkneipen-Kultur im Rhein-Main-Gebiet. Die Luft ist stickig vom Zigarettenqualm, vor den Gästen steht ein Bierchen und dieses Bild muss sich nicht erst nach 18 Uhr ergeben. In diesen Kneipen ist der deutsche Stammtisch zu Hause. Den Stammtischen, denen nachgesagt wird, dass sie sich für simple Parolen  erwärmen können und bei komplexen politischen Sachverhalten Sympathie für die einfache Lösung haben. Der EXTRA TIPP hat diese Stammtische in Oberursel, Frankfurt und Offenbach aufgesucht. Wir haben nachgeforscht, wie latent fremdenfeindlich  sind die Stammtisch-Besucher wirklich? Wie empfänglich sind sie für politisch rechte und völlig vereinfachte Parolen?

Wir wollen einen Eindruck vom deutschen Stammtisch

Das Procedere ist immer gleich. Wir gehen in die Kneipen, stellen uns vor und verteilen einen Fragebogen und Stifte. Jeder ist aufgerufen, die sieben Parolen zu beurteilen. Unter jedem Satz gibt es die Antwortmöglichkeiten „Trifft zu“, „Trifft häufig zu“, „Trifft selten zu“ und „Trifft nicht zu“. Es müssen keine Namen auf die Zettel geschrieben werden. Sind alle Kreuze gemacht, müssen die Fragebogen bei den EXTRA TIPP-Redakteuren einfach wieder abgegeben werden. Wir stecken sie in einen Stapel und werten sie erst später in der Redaktion aus. Uns ist klar, dass unser Versuch keinen statistischen Wert hat. Dafür entspricht unser Vorgehen keiner wissenschaftlichen Methodik. Aber es ist ein Eindruck. Und der ist überraschend. Denn: Der deutsche Stammtisch ist gar nicht so extrem rechts und unterschwellig fremdenfeindlich, wie viele sogenannte Experten meinen.

Es gibt keine regionalen Unterschiede

Bei der Auswahl unserer sieben Losungen haben wir uns an den gängigen Vorurteilen gegenüber Ausländern orientiert. Wir haben bewusst vereinfacht, übertrieben und nicht differenziert. So nah wie möglich den Hetzern gegenüber Ausländern kommen – das war unser Ziel. In Offenbach, Oberursel und Frankfurt haben wir jeweils 50 Stammtischbrüder befragt. Auffällig: Es gibt keine regionalen Unterschiede, das Ergebnis ist in allen Städten ähnlich.

Das erste Vorurteil auf unserem Fragebogen lautet, dass Ausländer den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. 63 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass dieses Vorurteil nicht zutrifft. Knapp 25 Prozent finden, dass das nur selten zutrifft. Nur drei Prozent stimmen dem Vorurteil zu. Die zweite Parole lautete: Ausländer wollen sich nicht unserer Kultur anpassen. Auch hier ist die Tendenz eher gemäßigt. 62 Prozent sind überzeugt, dass dieser Vorwurf gar nicht und wenn, nur selten zutrifft. Immerhin 34 Prozent sind überzeugt, dass das häufig der Fall ist.

Differenziertes Meinungsbild

Der dritte Vorwurf spielt auf die Kriminalität an. Dass Deutschland durch Ausländer immer krimineller wird, wollen knapp 70 Prozent entweder nicht glauben oder sind überzeugt, dass das nur selten der Fall ist. Immerhin zwölf Prozent sind überzeugt, dass der Vorwurf stimmt.

Ähnliches Bild auch beim angeblich fehlenden Respekt vor den Deutschen. Wieder sind knapp 70 Prozent überzeugt, dass das nicht oder nur selten zutrifft. Für 30 Prozent trifft das zu, oder zumindest häufig zu. Parole Nummer fünf: Ausländer meinen, sie könnten ihre eigenen Regeln machen. Hier zeigt sich das gleiche Bild wie zuvor.

Von Fremdenfeindlichkeit keine Spur

Dass Polizei und Richter viel härter gegen kriminelle Ausländer vorgehen müssten, glauben immerhin zwölf Prozent. 21 Prozent denken, dass das häufig zutrifft. Demgegenüber stehen 67 Prozent, die daran nur selten oder gar nicht glauben. Und dass der Islam Deutschland unterwandert, konnte die Stammtischler auch nicht überzeugen. Fast die Hälfte ist überzeugt, dass dieser Vorwurf nicht im geringsten stimmt. Dagegen stehen nur 16 Prozent, die diese Meinung teilen.

Das Ergebnis der nicht repräsentativen EXTRA TIPP-Umfrage zeigt: Das Vorurteil, dass Fremdenfeindlichkeit und plumpe Hetzparolen tief in der deutschen Gesellschaft verankert sind, lässt sich bei den von uns Befragten nicht aufrecht erhalten. Im Gegenteil: Selbst die, denen man am ehesten Vorurteile gegenüber Ausländern zugetraut hätte, zeigten sich differenziert und wenig hetzerisch.

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