Treppen-Tortur: Sollten Rentner im 3. Stock bleiben, weil sie gegen die Stadt aufmuckten?

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„Da unten wollen wir hinziehen!“ Doch die Stadt Seligenstadt hat Brigitta und Karl Sommer den Umzug zunächst verweigert.

Seligenstadt – 38 Treppenstufen sind es bis zu ihrer Sozialbauwohnung im dritten Stockwerk. Jede einzelne ist eine schmerzende Hürde für Brigitta und Karl Sommer. Weil die gleiche Wohnung im Erdgeschoss frei wird, wollen sie dort einziehen. Als die Rentner den Zustand der Wohnung sehen, beschweren sie sich bei der Haupt-Eigentümerin, der Stadt Seligenstadt. Die reagiert beleidigt und verweigert den beiden den Umzug. Von Christian Reinartz

Vor 43 Jahren ist das Ehepaar in die Seligenstädter Sozialbauwohnung im dritten Stockwerk des Blocks an der Querstraße 23 gezogen. Sie haben dort in einer winzigen Dreizimmerwohnung ihre Kinder großgezogen, haben dort ihr Leben verbracht. Jetzt können die 74-Jährige und ihr zwei Jahre älterer Mann nur noch schlecht laufen. Er wegen einer entzündeten Hüfte, sie wegen einer kaputten Wirbelsäule.

Die Wohnung ist die gleiche, liegt nur zwei Stockwerke tiefer.

Als im Erdgeschoss, genau zwei Stockwerke unter der Sommerschen Wohnung, die Mieterin auszieht, ergreifen die beiden ihre Chance, wenden sich an die Erste Stadträtin Claudia Bicherl (CDU). Die will den beiden zunächst den Umzug ermöglichen. Doch bei der Wohnungsbegehung kommt der Schock. „Die Wohnung war in einem absolut grauenhaften Zustand“, sagt Brigitta Sommer: „Und das Bad ist völlig marode.“ Als die beiden das monieren, reagiert die Stadt für sie unverständlich. „Die haben uns gesagt, dass wir entweder selbst dafür aufkommen müssen, oder die Wohnung nicht bekommen“, sagt Sommer.

Über diese Vorgehensweise beschwert sich nun die Tochter, Irma Fey, im Namen ihrer Eltern im Rathaus. Sie soll dabei nicht den richtigen Ton getroffen haben, sagt Bicherl. Die Stadt zieht daraufhin das Umzugsangebot zurück. „Wir wurden schriftlich benachrichtigt, das wir die Wohnung nicht bekommen, weil uns deren Größe nicht zustehen würde“, sagt Brigitta Sommer. „Dabei ist unsere jetzige Wohnung genau gleich groß.“ Ihr kullern Tränen über die Wangen, als sie den kurzen Absage-Brief studiert. Sie ist verzweifelt. „Hier oben können wir doch nicht wohnen bleiben. Die Renovierung der Wohnung würden wir ja bezahlen können, aber alles komplett neu zu machen, können wir uns nicht leisten.“

Für Komplett-Sanierung reicht die Rente nicht

Der EXTRA TIPP hakt nach und konfrontiert Claudia Bicherl mit den Vorwürfen. Die bestätigt den geschilderten Vorgang. Sie könne daran nichts Unrechtes erkennen. Es sei Usus, die Sozialwohnungen bei der Übergabe besenrein zu hinterlassen. Der Mieter müsse dann renovieren. Von Details wie dem maroden Bad habe sie keine Kenntnis. Dass die Stadt sich daraufhin gegen die Sommers entschieden habe, verteidigt sie fast trotzig: „Erst wollen sie von uns eine Wohnung, und dann beschweren sie sich noch. Wir zwingen die beiden ja nicht, dahin zu ziehen.“

Einen Tag später dann die plötzliche Wendung. Auf einmal will die Stadtverwaltung den Rentnern doch noch den Bezug der Wohnung ermöglichen. „Aber nur mit einem entsprechenden Attest, das die Gehprobleme bescheinigt“, sagt der stellvertretende Leiter des Sozialamts, Thomas Heilos. Stadträtin Claudia Bicherl betont: „Das ist von uns eine Großzügigkeit.“

Wegen des Zustands der Wohnung schlägt Heilos ein Gespräch vor, um alle offenen Fragen zu klären. Brigitta und Karl Sommer sind jetzt wieder voller Hoffnung: „Vielleicht klappt es ja wirklich.“

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