Die Offenbacher Polizei kann erst einschreiten, wenn jemand bedroht oder verletzt wird

Tödliches Werkzeug: Brutale Jugendliche greifen jetzt mit dem Teppichmesser an

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Vor allem Jugendliche bewaffnen sich mit gefährlichen Werkzeugen aus dem Baumarkt.

Region Rheinmain – Moderne Waffen kosten 1,79 Euro und liegen auf dem Wühltisch im Baumarkt. So wenig kostet ein Teppichmesser. Immer mehr jugendliche Gewalttäter aus der Region meiden Messer und Schlagringe, um keine Probleme mit der Polizei zu bekommen. Stattdessen decken sie sich im Baumarkt ein: Schraubenzieher, Äxte, Teppichmesser. Aus herkömmlichen Werkzeugen werden tödliche Waffen. Von Christian Reinartz

Diese Axt gilt als Spaltwerkzeug.“ Der Schriftzug prangte bis vor kurzem am Frankfurter Waffenladen Engels in der Kaiserstraße. Er sollte klarmachen, wie absurd das neue Waffengesetz ist.

Das gilt zwar ab Anfang Oktober, sicherer wird die Region dadurch aber nicht, so ein Mitarbeiter des Ladens, der die Szene auch in Stadt und Kreis Offenbach genau kennt. „Kriminelle benutzen schon längst keine richtigen Waffen mehr. Stattdessen rüsten sie sich für wenig Geld im Baumarkt aus.“ Benutzt wird alles, was verletzen kann. Sogar dicke Kabelstücke und Gartenschläuche werden als Totschläger-Ersatz gekauft.

Alexander Löhr, Pressesprecher im Frankfurter Polizeipräsidium, weiß davon. „Die Kriminellen haben auf die Verschärfung des Waffengesetzes reagiert und sind ausgewichen“, erklärt er. „Das war zu erwarten.“ Einen Trend will Löhr nicht erkennen, gibt aber zu: „Wir geraten mit so etwas öfter in Konflikt.“ In Offenbach warnt die Polizei mittlerweile ihre eigenen Beamten vor tückischen Teppichmessern, so Sprecher Henry Faltin: „Diese Messer können üble Wunden verursachen.“

Dennoch sind die Polizisten machtlos. Finden sie bei einer Personenkontrolle ein Teppichmesser, darf der Besitzer unverrichteter Ding weiter ziehen. Axt, Schraubenzieher und Teppichmesser dürfen offiziell mitgeführt werden, selbst von Minderjährigen. Das Perfide daran: Erst wenn damit jemand verletzt wird, gelten die Gegenstände als Waffen. So sieht es der Gesetzgeber vor. Vor allem Jugendliche statten sich deshalb mit Werkzeug-Waffen aus.

Machen mit Jugendlichen Anti-Aggressivitäts-Kurse: Frank Römhild und Carola Kubertz vom Verein „Kinder- und Jugendhilfe“.

Verletzen sie einen Menschen, landen sie etwa beim Frankfurter Verein „Kinder- und Jugendhilfe“, wo sie Arbeitsstunden ableisten und Anti-Aggressivitäts-Kurse belegen müssen. „Es ist zu beobachten, dass Jugendliche immer gewalttätiger werden“, sagt Frank Römhild, Sozialarbeiter des Vereins. „Das liegt aber in deren Lebensgeschichte begründet.“ Fast immer sei ein geringes Selbstbewusstsein und eine schlechte schulische Bildung an solch einer Entwicklung schuld. „Es gibt keine bösen Jugendlichen. Es gibt nur böse Taten“, so Römhild. Geschäftsführerin Carola Kubetz ergänzt: „Solche Jugendliche wollen sich durch besonders brutale Gewalt über andere erheben. Aber nur, weil sie es auf anderem Wege nicht packen.“

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