Städte kämpfen gegen Wohnungsleerstand

Teurer Taunus: Kein Platz für Geringverdiener 

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Da muss jeder Euro umgedreht werden: Für immer mehr Menschen mit geringem Einkommen fehlen im Taunus günstige Wohnungen.

Taunus – Wohnen im Taunus ist teuer. Zu teuer für immer mehr Menschen mit geringem Einkommen. Sogar Normalverdiener können mit der Entwicklung der Mieten kaum mithalten. Dazu kommt großer Leerstand in den Städten. Oberursel appelliert nun direkt an die Hausbesitzer. Von Dirk Beutel

Quadratmeterpreise kennen im Taunus nur eine Richtung: Nach oben. Vor allem die derzeitige Zinslage heizt die ohnehin schon angespannte Wohnungs-Situation weiter an. Das trifft Menschen mit geringem oder gar keinem Einkommen, die händeringend nach einer bezahlbaren Wohnung in ihrer Stadt suchen. Und die Zahl der Betroffenen wächst kontinuierlich. Vor allem in den größeren Kommunen. Schaut man nach Oberursel, Bad Homburg oder Hofheim: Die Zahlen steigen oder stagnieren auf hohem Niveau. „Der Wohnungsmarkt ist hier heiß umkämpft“, sagt Oberursels Stadtsprecherin Nina Kuhn. Dort sind derzeit 287 Haushalte und damit knapp 657 Menschen mit geringen Einkommen als wohnungssuchend gemeldet. In Hofheim zum Vergleich sind es sogar 450 Haushalte. 

Aus der Not nehmen viele Schrottwohnungen

Und obwohl der Taunus als ziemlich teures Pflaster gilt, ist der Umzug in eine günstigere Region für viele kein Thema. „Sie kriegen die Fixierung auf den Ballungsraum aus den Menschen nicht raus“, sagt Marcus Krüger von der ökumenischen Wohnhilfe im Taunus. Der Verein habe in den vergangenen Jahren eine immer weiter steigende Zahl von Menschen registriert, die sich eine Wohnung nicht mehr leisten können. Hauptgrund sei die wirtschaftliche Entwicklung: „Hausbesitzer lassen ihr Geld nicht mehr auf der Bank. Sie investierten es in Beton. Vor allem der urbane Raum ist davon betroffen“, sagt Krüger. Selbst Menschen mit geregeltem Einkommen, Normalverdiener, können sich die immer weiter steigenden Mieten kaum mehr leisten. Die Wohnhilfe selbst kümmert sich nur um Notfälle. Um Menschen, die kurz vor der Obdachlosigkeit stehen. Davon sind vor allem Einpersonenhaushalte, Senioren und Familien mit nur einem Einkommen betroffen. Darunter anerkannte Flüchtlinge. Etwa 70 Wohnungen sind im Bestand der Wohnhilfe. Natürlich sind alle belegt. Leerstand kennt man dort seit Jahren nicht mehr. Die Folge: Wer nicht anders kann, muss sich in der Wohnfläche reduzieren oder landet in einer Schrottwohnung. Das ist keine Seltenheit: „Meist sind das nicht oder schlecht ausgebaute Dach- oder Souterrainwohnungen“, sagt Krüger.

Oberursel appelliert Hausbesitzer direkt 

Solche Fälle kennt auch Nadja Skoneczny. Sie als Leiterin und ihre Mitarbeiter der Abteilung Sozialer Dienst und Wohnungswesen in Oberursel vermitteln Sozialwohnungen. Sie haben unmittelbar mit zum Teil tragischen Schicksalen zu tun. „Besonders schwer haben es Menschen mit psychischen Erkrankungen oder solche, die verschuldet sind“, sagt sie. Doch in die Schuldenfalle könne jeder geraten. Durch den plötzlichen Verlust des Arbeitsplatzes oder den Tod des Partners. Da könne es schon vorkommen, dass nach jedem Strohhalm gegriffen werde. Selbst dann, wenn es es sich nicht um eine richtige Wohnung handele. Dafür sind Skonecznys Mitarbeiter da. „Wenn uns Wohnraum zur Verfügung gestellt wird, prüfen wir erst, ob es sich wirklich um eine Wohnung mit dem nötigen Standard handelt.“ Doch nicht nur die Niedrigzinslage spannt den Wohnungsmarkt weiter an. „Mit ein Grund ist, dass es zu viele leer stehende Wohnungen gibt“, sagt Stadtsprecherin Kuhn. Daher sei die Stadt dazu übergegangen, offensiver an Wohnungsbesitzer zu appellieren, freien Wohnungsraum zur Vermietung zur Verfügung zu stellen. Das habe schon einmal gut funktioniert. Ende 2015, Anfang 2016, als tausende von Flüchtlingen im Taunus untergebracht werden mussten. Doch Marcus Krüger weiß genau, was sich außerdem nachhaltig ändern müsste: „Der vernachlässigte soziale Wohnungsbau muss vorangetrieben werden und ländliche Regionen müssten viel besser entwickelt werden.“

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Tafeln verteilen zunehmend Lebensmittel an Bedürftige. Foto: Uwe Zucchi/Archiv
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Viele Menschen müssen sogar beim Heizen sparen. Foto: Ole Spata
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Damit auch Hartz-IV-Empfänger rechtzeitig Miete, Wasser und Strom zahlen können, muss der Regelsatz deutlich steigen, fordern SPD und Linke. Foto: Sophie Wolfbauer
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Linke-Fraktionsvize Sabine Zimmermann spricht von einem Armutszeugnis für den Sozialstaat. Foto: Fredrik von Erichsen
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