Missbrauchsfälle sorgen für Vorurteile und Diskriminierung

Tatort Kita: Männliche Erzieher im Fadenkreuz

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Der Mann als Risiko?: Viele Eltern haben gegenüber männlichen Erziehern Vorurteile.

Region Rhein-Main – Männer, die als Erzieher arbeiten, müssen mit dem Generalverdacht der Pädophilie leben. Immer wieder aufkeimende Fälle von sexuellem Missbrauch sorgen für härtere Fronten und Diskriminierung im Job. Von Dirk Beutel

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Sie lieben die Arbeit mit Kindern. Sie zu betreuen, zu fördern, ihnen beim Start ins Leben eine Stütze zu sein. Doch diese Leidenschaft wird vielen männlichen Erziehern zum Verhängnis. Grund sind Nachrichten, wie die von zwei Verdachtsfällen sexuellen Missbrauchs in einer Kita im südhessischen Pfungstadt und Roßdorf. In beiden Fällen war der mutmaßliche Täter ein Mann: Ein 20-Jähriger, der gerade seinen Bundesfreiwilligendienst in der Einrichtung absolvierte und ein 29 Jahre alter Kita-Angestellter. Solche Meldungen sorgen dafür, dass männliche Erzieher mit Vorurteilen konfrontiert werden. Sie werden zwar als pädagogische Fachkraft benötigt, doch sie stehen unterschwellig im Verdacht, Kinder möglicherweise zu missbrauchen. „Wir müssen uns hüten, Männer aufgrund von traurigen Einzelfällen unter Generalverdacht zu stellen. Männliche Identifikationsfiguren sind für die kindliche Entwicklung wichtig“, sagt Stephan Krebs, Sprecher der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die Träger für rund 600 Kitas ist.

Generalverdacht wird bestätigt

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Trotzdem, die Angst ist da: Norbert Hocke, Leiter des Organisationsbereich Jugendhilfe- und Sozialarbeit in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bestätigt den Generalverdacht: „Der ist spürbar, keine Frage. Männer müssen in dieser Frauendomäne mit dieser Sondersituation umgehen können.“ Allerdings könne dieser Pauschalverdacht nicht als Argument gelten, Erzieher von bestimmten Arbeitsbereichen auszuschließen. Doch genau das sei bereits der Fall. Es sei keine Seltenheit, dass einige Kita-Einrichtungen dazu übergegangen seien, männlichen Mitarbeitern beispielsweise das Wickeln zu untersagen. Dass es solche Fälle gebe, weiß auch Werner Meyer-Deters, Vorstandmitglied der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung: „Das ist aber keine Prävention, sondern Diskriminierung.“ Statt dessen müssten in einer Kita oder in einem Kindergarten klare Standards gelten, die in Zusammenarbeit mit den Eltern erarbeitet werden und die für alle Mitarbeiter gelten. Denn: „Missbrauch, ist kein generelles Männerproblem. Es gibt auch Frauen, die Tätern werden“, sagt Hocke. Trotzdem sind es vor allem männliche Erzieher, die bei Eltern auf Vorurteile stoßen. Dies könne dazu führen, dass Erzieher generell ausgeschlossen werden könnten, vor allem in Kitas, in denen sexueller Missbrauch schon einmal vorgekommen ist. „Die Gefahr lässt sich nicht auf null herunterfahren“, sagt Hocke.

Führungszeugnis und Vier-Augen-Prinzip

Um sowohl Kinder als auch Mitarbeiter zu schützen, müsse ein klar formuliertes Kinderschutzkonzept gelten. Mit transparenten und kultursensiblen Regeln. „Daran wird keine Einrichtung vorbeikommen“, sagt Meyer-Deters. So sei es bereits gang und gäbe, dass alle Mitarbeiter ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssten – bei Dienstantritt und alle fünf Jahre. Viel entscheidender sei jedoch, dass das Vier-Augen-Prinzip konsequent durchgesetzt werde. Dass also kein Mitarbeiter mit einem Kind allein sein dürfe. Krebs: „Aber das setzt einen Personalschlüssel von mindestens zwei Personen pro Gruppe plus Urlaubsvertretung voraus. Das ist weder bei den Kommunen noch beim Land Hessen durchsetzbar.“

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