Das stinkt zum Himmel

+
Nase zu und durch: Elly Wiese (von links), Heidemarie Schröder, Claus Lünzer und Waltraud Niebling müssen immer wieder Gestank ertragen.

Frankfurt – Den Anwohnern am Sindlinger Lachgraben ist zum Heulen zumute. Sie haben die Nase voll vom stinkenden Industriepark Höchst. Denn der macht Ihnen den Alltag zur Hölle. Von Andreas Einbock

Idyllisch wirkt der Garten von Claus Lünzer. Vögel zwitschern, der Brunnen plätschert. Nur eines stört die Wohlfühl-Atmosphäre: Der Gestank. Eine Mischung von Latrinenduft und Zoogeruch weht über die grün-blaue Mauer direkt hinter Lünzers Garten herüber. Im Garten des Ortsbeirates brauchen Gäste Beherrschung, um den Würgereiz zu unterdrücken. „Ich muss jeden Morgen schauen, wie der Wind steht. Bei Ostwind muss ich Gästen gleich wieder absagen. Bei Westwind hatten wir dann Glück gehabt“, berichtet Lünzer von seiner täglichen Prozedur.

Geruch, der krank macht: Kopfschmerzen, Brechreiz, Übelkeit

Schlimmer ergeht es Lünzers Nachbarin Heidemarie Schröder. „Ich bekomme oft Kopfschmerzen und muss den Brechreiz unterdrücken. Zum Einkaufen muss ich mir manchmal sogar ein Tuch vor den Mund halten“, schildert sie ihr Leid, das auch Elly Wiese sehr gut kennt. Die Rentnerin wohnt seit ihrer Geburt am Lachgraben. „Ich habe den Eindruck, dass es immer schlimmer wird. Auf meine Terrasse habe ich im letzten Jahr nicht ein Mal gesessen. Man wird nur belogen und betrogen“, fasst Wiesner ihren Frust zusammen. Den Ärger der meisten der etwa 400 betroffenen Sindlinger bringt Waltraud Niebling auf den Punkt: „Uns ärgert vor allem, dass trotz aller Bedenken und Proteste direkt hinter der Mauer weitergebaut wird. Dort konzentriert sich der ganze Gestank.“

Für die Aufregung hat Robert Woggon vom Industriepark-Dienstleister Infraserv kein Verständnis. „Eine Zunahme der Geruchsbelästigung kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben seit 2007 etwa 3,5 Millionen in die Verbesserung der Abwasserreinigungsanlage investiert und zum Beispiel zwei Ablufkamine gebaut“, sagt der Unternehmenssprecher. Die Situation habe sich durch die Geruchsimmissionsrichtlinie (GIRL) positiv verändert. Woggon: „Die Geruchshäufigkeit hat um fast 66 Prozent abgenommen.“

Messungen werden bezweifelt

Oft der Grund für den Gestank: Die Klärschlammverbrennungsanlage.

An der Aussagekraft dieser Messungen haben die Sindlinger Zweifel. „Die messen zu irgendwelchen Zeiten und erfassen nicht die Intensität“, sagt Claus Lünzer, der sich wie viele Anwohner schlecht informiert und rücksichtslos behandelt fühlt.

Dabei kommuniziere Infraserv, so Presseprecher Woggon, intensiv: „Bei Reinigungsarbeiten geben wir Pressemeldungen raus und stellen die Informationen ins Internet. Auch über die Notfall-Manager und am Bürgertelefon wird informiert.“ Genau darin sieht Claus Lünzer den blanken Hohn: „Prima, jetzt stinkt‘s eben mit Ankündigung.“

Neben dem Gestank gäbe es noch andere Belästigungen. „Da wird mit lautem Getöse und Gekrache rangiert, dass ich nachts senkrecht im Bett stehe, selbst an Feiertagen“, schimpft Schröder und Niebling ergänzt: „Unsere Häuser sind auch nur noch die Hälfte wert.“

Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt sich spätestens beim nächsten Runden Tisch am 27. Oktober. Ortsbeirat Lünzer gibt sich kämpferisch: „Wir werden nicht aufgeben und weiter kämpfen, sonst können wir uns hier gleich begraben.“

Kommentare