Statt den Fahrschein gibt’s einen auf die Mütze

Kontrolleure sehen sich als Prügelknaben der Fahrgäste

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Region Rhein-Main - Das sich Fahrgäste über Bus und Bahnen beschweren, ist ein alter Hut. Doch jetzt schlagen Kontrolleure und Fahrer Alarm. Sie haben es satt, dass sie von Fahrgästen beleidigt, bedroht oder geschlagen werden. Von Christian Reinartz

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Frotteure reiben sich an ahnungslosen Frauen

Allein die Polizei hat in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder brutale Angriffe gegen Kontrolleure oder Fahrer im öffentlichen Personen-Nahverkehr gemeldet. In Kriftel wurde ein Busfahrer ins Gesicht geschlagen, in Offenbach eine Kontrolleurin aus dem Bus geprügelt und in Rödelheim ein S-Bahn-Führer so brutal vermöbelt, dass er schwere Knochenbrüche im Gesicht davontrug.
Dass die Situation schlimmer geworden ist, bestätigt Kontrolleur Christian V.: „Seit zwei zwei Jahren ist es eine echte Katastrophe. Die Gewaltbereitschaft wird immer größer.“ V. ist als Kontrolleur in Hanau unterwegs und stellt klar. „Das sind nicht nur Jugendliche, die Stress machen.“ Etwa 30 Prozent seien fortgeschrittenen Alters. „Und die meisten davon sind Frauen“, sagt V. „Die schlagen zwar nicht, aber dafür bedrohen und beleidigen sie einen.“

Verkehrsgesellschaften sprechen von Einzelfällen

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Fragt man bei den einzelnen Verkehrsgesellschaften nach, ist der Tenor mehr oder weniger derselbe. Alles seien bedauerliche Einzelfälle und würden keinesfalls den Alltag auf Schiene und Straße widerspiegeln.
Aussagen, über die Martin S. schmunzelt. „Ist doch klar, dass die versuchen, ihr Image sauber zu halten“, sagt der der 42-Jährige Fahrer einer S-Bahn im Rhein-Main-Gebiet. „Der Alltag da draußen ist schlimm. Ich und meine Kollegen spüren immer eine latente Bedrohung. Diese Angst ist immer vorhanden, auch wenn nicht jeden Tag etwas passiert.“ Er selbst verlasse deswegen nur noch in den seltensten Fällen das Fahrerhaus. Selbst wenn es Ärger in den Waggons gibt. „Das habe ich früher mal gemacht. Jetzt nicht mehr. Damals bin ich nur angespuckt worden. Kollegen von mir haben aber richtig etwas abbekommen.“

Die ständigen Drohungen sind das Schlimmste

Brutaler geht es offenbar auf Seiten der Kontrolleure zu. Der 32-jährige David R. ist seit drei Jahren in Frankfurt unterwegs und ist nervlich am Ende. „Auch, wenn ich schon geschlagen wurde, es sind gar nicht die tätlichen Angriffe, die einen kaputt machen“, sagt der Familienvater. „Es sind die Drohungen, die ständig auf einen herein prasseln. Kein Tag vergeht, ohne dass mir körperliche Konsequenzen angedroht werden.“

Das lasse einen zwar mit der Zeit ruhiger werden, man stumpfe regelrecht ab. „Aber die Angst bleibt, wenn einem eine Gruppe aggressiver Jugendlicher androht, nach Dienstschluss auf einen zu warten.“

Gewerkschaft kennt das Problem

Die Gewerkschaft Verdi, die sowohl Kontrolleure, Sicherheitsdienste und Busfahrer vertritt, bestätigt das. „Wir hören diese Klagen relativ häufig“, sagt Verdi-Hessen-Sprecherin Ute Fritzel.

Warum die Unternehmen dieses Thema offenbar lieber totschweigen, anstatt der Situation ins Auge zu sehen, glaubt sie zu wissen. „Einerseits will man Trittbrettfahrer verhindern. Anderseits müssten die Unternehmen ja dann eingestehen, dass einige ihrer Fahrgäste gewalttätig sind.“ Zudem wolle man sicher nicht den Eindruck vermitteln, dass die Nutzung der Öffentlichen gefährlich sei.

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Christian Reinartz

Christian Reinartz

E-Mail:christian.reinartz@extratipp.com

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