Eingänge verstellt, Haltegriffe blockiert

Keine Rücksicht auf Ältere und Behinderte in Bus und Bahn

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Elisabeth Plato-Freitag ist genervt: Häufig versperren Mitreisende die Eingänge, sodass sich ältere Menschen oder Gehbehinderte beim Einstieg nicht festhalten können.
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Region Rhein-Main - 81 Jahre, künstliche Hüfte – wenn Elisabeth Plato-Freitag in die Straßenbahn einsteigt, nennt sie das „Kampf“. Denn immer weniger Menschen sind bereit, Platz zu machen. Auch der Verband Pro Bahn schlägt deshalb Alarm. Von Christian Reinartz 

Es sind nicht mal die fehlenden Sitzplätze. Viel schwerer ist es für Elisabeth Plato-Freitag aus Ginnheim, überhaupt heil in die Straßenbahn einzusteigen. „Meistens stehen die Fahrgäste vor den Türen und versperren einem die Möglichkeit, sich festzuhalten“, sagt die 81-Jährige verärgert. Selbst wenn sie die Leute bitte, Platz zu machen, rührten diese sich so gut wie nie. „Die tun so, als wenn sie nichts gehört hätten und bleiben einfach stehen“, sagt Plato-Freitag. „Die haben doch alle keine Kinderstube mehr“, sagt sie ärgerlich.

Rücksichtslosigkeit der Mitmenschen

Auch beim Fahrgastverband Pro Bahn  hat man das rücksichtslose Verhalten der Fahrgäste im Rhein-Main-Gebiet längst registriert. „Hier macht sich Missachtung von Mitmenschen breit. Ich habe das schon häufig am eigenen Leib zu spüren bekommen“, sagt Michael Alfter, Beauftragter für Schwerbehinderung und Barrierefreiheit. Er selbst ist sehbehindert und ebenfalls beim Einsteigen auf die Rücksicht der anderen Fahrgäste angewiesen. „Aber da kommt von selbst einfach nichts“, sagt Alfter. Nur, wenn er mit seinem Blindenstock vor sich hertaste, würden die Leute Platz machen. „Ansonsten denkt da jeder nur an sich und seinen eigenen Platz.“

Der Fall von Elisabeth Plato-Freitag macht ihn wütend. „Das ist eine Katastrophe, dass nun nicht mal mehr einer alten, gehbehinderten Frau Platz gemacht wird“, sagt er. „Dabei sollten diese Leute mal überlegen, dass sie auch ganz schnell in einer solchen Situation landen können, bei der sie auf die Rücksicht der anderen angewiesen sind.“

Tatenlose Fahrer und Schaffner

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Doch Alfter sieht das Problem auch bei den jeweiligen Straßenbahnschaffnern und Busfahrern im Rhein-Main-Gebiet. „Im Gegensatz zu anderen Städten wird hier im Grunde nie per Mikrofon eingegriffen“, bemängelt Alfter. Dabei könnten die Fahrer auf diese Weise ganz leicht solche unschönen Situationen verhindern, glaubt er. „Aber ich denke, die haben einfach zu viel Angst und wollen sich nicht selbst zum Ziel machen.“

Bernd Conrads von der Frankfurter Verkehrsgesellschaft stellt klar: „Wir lassen unseren Fahrern da freie Hand, ob sie eingreifen wollen, oder nicht.“ Allerdings verweist er darauf, dass es vom Fahrerplatz aus nicht immer einsehbar sei, ob es Probleme beim Einstieg gebe.

Eine Ausrede, die Michael Alfter nicht gelten lassen will. „Wenn ein Fahrer eine solche Situation mitbekommt, sollte es ihm nicht freigestellt sein, ob er eingreift. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein.“ Er fordert deshalb eine entsprechende Anweisung von der Verkehrsgesellschaften.

Alfter will das Problem jetzt im Regionalverband zum Thema machen und mit seinen Verbandskollegen Lösungsvorschläge erarbeiten.

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Christian Reinartz

Christian Reinartz

E-Mail:christian.reinartz@extratipp.com

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