Seligenstädter Fährmann ein Wrack: Jetzt kämpft er um seine Rente

Von Norman KörtgeSeligenstadt - Stefan Müller ist ein Mann wie ein Bär. Knapp 1,90 Meter groß und mit 115 Kilo kräftig gebaut. Doch das äußere Erscheinungsbild des 53-Jährigen täuscht. Schmerzen plagen seinen Körper, und um seine Psyche steht es auch nicht besonders gut.

Seiner Arbeit auf der Seligenstädter Mainfähre kann er nicht mehr nachgehen. Jetzt kämpft er um seine Erwerbsunfähigkeitsrente. Doch die Rentenversicherung lehnt ab.

Für Stefan Müller beginnt 1992 ein neuer Abschnitt im Berufsleben. Der Seligenstädter erwirbt das Fährpatent und manövrierte seitdem im Schichtbetrieb die städtische Autofähre über den Main. Eine harte Arbeit, die Müller aber auch Spaß macht. Muskelkraft ist gefragt, wenn er die Steuerräder über die schwergängige Mechanik bewegt. Eine Knochenarbeit, die erst seit wenigen Wochen der Vergangenheit angehört. Seither ist eine Hydrauliksteuerung eingebaut. "Für mich kam das zu spät", sagt Müller.

Sein Leidensweg beginnt 2002. Eine chronische Entzündung in beiden Armen macht die Arbeit auf der Fähre zur Qual. Er wird krankgeschrieben und operiert. Drei Monate fehlt er.

2004 dann der nächste Schicksalsschlag. Bei einem Unfall mit seinem Sportboot wird sein linkes Bein schwer verletzt. Doppelter Schienbeinbruch, Trümmerbruch im Wadenbein, Sprunggelenk gebrochen. Elf Monate dauert die Heilung samt Reha. Im August 2005 steht er erstmals wieder auf der Fähre. Es folgen aber noch Operationen, in denen Metallteile aus dem linken Bein entfernt werden.

"Vorübergehend ist auch alles besser geworden", erzählt er. Doch dieser Zustand hält nicht lange an. Wieder machen ihm seine Arme zu schaffen. Im März 2007 wird seine tägliche Arbeitszeit aus medizinischen Gründen auf vier Stunden reduziert. "Ich war bei elf Ärzten, wurde 86 mal geröntgt", sagt Müller, der nun seit einem Jahr krankgeschrieben ist. "Ich weiß im Prinzip nie, wie es mir am nächsten Tag körperlich und geistig geht", erzählt der 53-Jährige.

Die Mediziner schränken die Anforderungen an einen neuen Arbeitsplatz drastisch ein: Kein Zeitdruck, keine hohe nervliche Belastung, keine Überkopfarbeiten, kein Bücken und Knien, kein häufiges Treppensteigen, keine Halte- oder Greifarbeiten, keine Nässe, Kälte oder Zugluft. Solch einen Arbeitsplatz kann ihm die Stadt Seligenstadt nicht bieten. Deshalb stellt Müller auch einen Antrag auf eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Aber die Deutsche Rentenversicherung lehnt den Antrag und auch Müllers Widerspruch ab. Er könne noch Tätigkeiten in einer Poststelle oder als Portier nachgehen. "Beim Arbeitsamt haben sie darüber nur gelacht", berichtet Müller. Der Tenor: Mit dieser Vorgeschichte stellt ihn keiner mehr ein.

"Ich arbeite seit meinem 14. Lebensjahr, habe 38 Jahre lang in die Rentenkasse einbezahlt - und jetzt soll ich in Hartz IV abrutschen?", fragt sich Müller und ärgert sich maßlos. Deshalb klagt er jetzt auch vor dem Sozialgericht in Darmstadt. Bis es zu einer Entscheidung kommt, gehen Monate ins Land. Durchschnittlich dauert es ein Jahr. "Das ist auch abhängig davon, wie viele Gutachten eingeholt werden", erklärt der Darmstädter Sozialrichter Stephan Collignon.

Die Zeit der quälenden Ungewissheit geht für Müller vorerst weiter.

Von der Rentenversicherung war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten.

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