Sechs Monate kein Arbeitslosengeld weil er zu viel nuschelte?

+
Die Schulden häufen sich, weil Frank Sanders sechs Monate Arbeitslosengeld fehlen. Mittlerweile droht sogar Erzwingungshaft.

Region Rhein-Main – Offenbar wegen seiner langsamen und undeutlichen Aussprache hat der Babenhausener Frank Sanders sechs Monate lang kein Arbeitslosengeld vom Landkreis Darmstadt-Dieburg erhalten. Jetzt droht ihm Haft, weil er seine Schulden nicht mehr bezahlen kann. Von Christian Reinartz

Ja, ich habe ein Alkoholproblem gehabt!“ Das ist das erste, was Frank Sanders sagt, wenn er über seinen Kampf gegen die Kreisagentur für Arbeit spricht. „Damit keine Missverständnisse aufkommen.“ Zwei Jahre lang sei er abhängig gewesen. Wegen Todesfällen und Schicksalsschlägen in der Familie. „Aber ich habe mich da rausgekämpft, bin seitdem trocken“, sagt Sanders. Der große Mann mit dem gezwirbelten Schnurrbart spricht dennoch langsam und nuschelnd, fast wie ein Betrunkener. „Ich habe in der Reha nach meinem Entzug einen leichten Schlaganfall gehabt“, erklärt Sanders. „Aber das interessiert die beim Amt gar nicht“, sagt er. „Ich fühle mich von denen nur als Alki abgestempelt.“

In der Tat ließ ihn die Arbeitsagentur des Landkreises Darmstadt-Dieburg nach seiner Vorsprache vom Amtsarzt untersuchen. Der sei zu dem Schluss gekommen, dass Sanders nicht arbeitsfähig sei. Der Mann, der nach seiner Reha vor Kraft nur so strotzt, kann das nicht glauben. Er will nicht zum Sozialamt, er will arbeiten, sein eigenes Geld verdienen. Gegen den Bescheid legt er sofort Widerspruch ein, geht aber dennoch zum Sozialamt. „Einen Antrag habe ich nicht gestellt, um meinen Widerspruch nicht zu gefährden.“

Amt kann Unmut nicht nachvollziehen

Die Kreisagentur für Arbeit zahlt Sanders nichts, das Sozialamt auch nicht. Dennoch schildert er den Experten vom Sozialamt in mehreren Gesprächen sein Problem. „Nach einigen Beratungen haben die mir dann einen weiteren Besuch beim Amtsarzt ermöglicht“, sagt Frank Sanders. Dabei kam heraus, dass der Mann doch arbeitsfähig ist. „Und das lag nicht daran, dass sich bei mir gesundheitlich irgendwas verändert hatte“, versichert Sanders. Seitdem zahlt die Agentur wieder.

Beim Landkreis Darmstadt-Dieburg versteht man Sanders Unmut nicht. Sprecherin Jutta Janzen: „ „Generell ist ein amtsärztliches Gutachten für unsere Kreisagentur für Beschäftigung rechtsbindend. Da Herr Sanders nicht erwerbsfähig war, bestand rechtlich keine Möglichkeit, ihm Leistungen nach SGB II zu gewähren.“ Und weiter: „Ihm wurde selbstverständlich angeboten, dass unser Sozialamt bis zur Klärung der Angelegenheit Hilfe zum Lebensunterhalt gewährt.“ Warum Sanders das nicht angenommen hat, kann sie sich nicht erklären. Sanders schon: „Davon wusste ich nichts.“

Kommentare