Gehbehinderte leiden unter Sparzwang

Einsparung des Frankfurter Beförderungsdienstes: Behinderter will Stadt verklagen

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Der schwerbehinderte Harry Silz mit seinem Papagei Nicky.

Frankfurt –  Nach dem Bericht des EXTRA TIPPs über die Einsparung des Beförderungsdienstes für Gehbehinderte in Frankfurt, meldet sich nun ein Opfer der Sparmaßnahme zu Wort. Von Dirk Beutel 

Mit großen Schwingen landet Nicky auf dem Schoß von Harry Silz. Die Venezuela-Amazone schenkt ihm Trost. Der Papagei krabbelt zu ihm hoch, streichelt ihn mit ihrem gefiederten Kopf am Hals. Silz atmet schwer, trotz der Maschine, die ihn 24 Stunden am Tag mit Sauerstoff versorgt. Die Luft ist knapp. Vor allem, wenn sich der 72-Jährige ärgert. Er fühlt sich diskriminiert von der Stadt Frankfurt, weil sie ab dem 1. Januar am Beförderungsdienst für Gehbehinderte spart, wie er im EXTRA TIPP vom 8. Dezember erfuhr.

„Ich war mein Leben lang ehrlich, und deshalb will ich auch ehrlich behandelt werden“, sagt der Frankfurter. Mehrere Herzinfarkte hat er überlebt, leidet aber an deren Folgen. Dazu kommen COPD, Angina Pectoris, Diabetes und Niereninsuffizienz. Sie haben aus ihm einen zu 100 Prozent Schwerbehinderten gemacht.

Teilnahme am öffentlichen Leben

Silz kann gehen, doch wenn er das Haus verlässt, braucht er ein tragbares Atemgerät. Wie einen Rucksack schnallt er die Atemflasche, die an einen Taucherurlaub erinnert, auf den Rücken. Das Gewicht und die Atemnot machen jeden Schritt zur puren Belastung. Öffentliche Verkehrsmittel kommen für ihn nicht infrage. Denn er benötigt zusätzlich einen Rollator. „Ich komme damit im Bus oder in der Straßenbahn nicht zurecht. Die Taxifahrer aber sind meistens zuvorkommend und helfen.“

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Gehbehinderte bekommen Sparzwang zu spüren

Doch er denkt auch an andere Leidensgenossen, die sich wegen des Sparprogramms andere Wege überlegen müssen, wie sie am öffentlichen Leben teilnehmen können. Das geht Harry Silz nicht anders. Palmengarten, Zoo oder mal Freunde und Bekannte besuchen, all das wird nicht mehr so einfach, bei einem stark reduzierten Kontingent von 500 Euro pro Jahr. Umso mehr ärgert ihn, dass Bezieher von Hartz IV über den Frankfurter Pass ein doppelt so hohes Konto haben. Silz schert aber nicht alle über einen Kamm. Er meint nur diejenigen, die das System ausnutzen, die die nicht arbeiten wollen. „Wir haben unser Leben lang von unserer Hände Arbeit gelebt und bekommen weniger, als solche, die sich ein bequemes Leben machen.“ Der Rentner findet das nicht gerecht und will gegen die Neuregelung klagen. Ob er Erfolg haben wird, weiß er nicht, er denkt an alle diejenigen, die auf den Beförderungsdienst wirklich angewiesen sind. „Ich habe noch meine Frau und Nicky. Beide schenken mir Kraft. Was ist mit denen, die niemanden mehr haben?“

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