Schummeln bis zum Examen: Mit fremder Feder zum Titel

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Inkognito: Der Offenbacher Ghostwriter Helmut Rodenhausen arbeitet im Hintergrund.

Region Rhein Main – Viele Politiker haben einen. Auch Promis wie Dieter Bohlen. Selbst Top-Manager leisten sich ganz legal einen Ghostwriter. Wird der aber dazu benutzt, Examens- oder gar Doktorarbeiten zu fälschen, ist das Betrug. Mit diesem Vorwurf muss sich zurzeit auch Verteidigungsminister zu Guttenberg auseinandersetzen. Ein Offenbacher Ghostwriter verrät im EXTRA TIPP, wie das Geschäft mit der fremden Feder läuft. Von Mareike Palmy

„Brauche dringend eine Diplomarbeit. Koste es, was es wolle.“ So oder so ähnlich klingen die Anfragen an Helmut Rodenhausen.

Phantomschreiber arbeiten im Hintergrund

Der gebürtige Offenbacher ist Ghostwriter, was auf deutsch soviel heißt wie „unsichtbarer Schreiber“. Er erhält hunderte solcher Bitten im Monat. Ghostwriter werden aber eigentlich dafür bezahlt, dass sie die Reden, Geschäftsberichte und ganze Bücher Anderer schreiben. Die Kosten sind dabei stets abhängig vom Aufwand. Eine maßgeschneiderte Rede hat aber ihren Preis.
Ghostwriting ist zwar eine in Wirtschaft und Gesellschaft akzeptierte Tätigkeit. Ein komischer Beigeschmack bleibt aber. Entsteht gar der Verdacht, wie im Fall Guttenberg, dass Großteile einer Doktorarbeit nicht aus der eigenen Feder stammen, kann aus dem Beigeschmack schnell Betrug werden.

Fremde Feder: Ghostwriter schreiben Texte für Andere und werden gut dafür bezahlt.

„Nur wenige Spitzenleute haben die Zeit, Reden oder Aufsätze selbst zu schreiben“, erklärt Helmut Rodenhausen, „im täglichen Arbeitsablauf fehlt vielen die Übung, sie sind überfordert und brauchen jemanden, der professionell schreibt“, so der Ghostwriter. In kurzer Zeit muss sich der Phantomschreiber in die komplexesten Themengebiete einarbeiten. „Das ist anstrengend“, gibt der Offenbacher zu.

Alles nur geklaut? Der unsichtbare Schreiber erledigt seine Arbeit im Hintergrund.

Helmut Rodenhausen ist leicht über das Internet zu finden. Seine Kundschaft dagegen verlangt höchste Diskretion. Studenten sind keine darunter, dafür Klienten aus internationalen Konzernen, Selbstständige, Behörden und berühmte Personen aus TV und Politik. Für sie schreibt er Reden oder Geschäftsberichte. Dabei hat er auch kein schlechtes Gewissen: „Es ist absurd, ein Geheimnis daraus zu machen. Schließlich tue ich nichts Verbotenes. Außerdem arbeite ich nicht für jeden. Und Dissertationen schreibe ich prinzipiell nicht“, sagt Rodenhausen. Viele Aufträge lehnt der 63-Jährige konsequent ab. Auch bei seinem Frankfurter Kollegen klingt auf der Homepage alles ganz unverfänglich. Bei Anrufen wird dann aber Klartext gesprochen.

Gegen Fälschung und Schummeln bis zum Examen ist mittlerweile keine Universität gefeit. Im Zeitalter von "Copy und Paste" rüsten sich jetzt auch die hessischen Hochschulen gegen dreiste Abschreiber. Bisher aber ohne einheitliche Systematik. Vorläufig helfen Computerprogramme bei der Suche nach Schummel-Fällen.

„Fehler müssen erkannt werden“, weiß auch Willy Witthaut vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AstA) der Frankfurter Uni. „Der Ehrenkodex an der Uni darf nicht gebrochen werden, dafür müssen Studenten mehr sensibilisiert werden“, fordert der AstA-Vorsitzende.

Der unsichtbare Schreiber

Das Problem von Plagiaten in der Wissenschaft kennt auch Professor Roland Schimmel von der Fachhochschule Frankfurt. Nach seiner Erfahrung gibt es heute mehr Studenten, die abschreiben, als früher. Ein Grund sei vor allem die moderne Technik: „Die gigantische Fundgrube Internet macht alles leichter. Man erspart sich eine Menge Arbeit nur durch einen Mausklick“, weiß der Professor. Guttenberg hat wohl diesen einzigen Mausklick getätigt.

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