Eine Offenbacher Testkauf-Agentur beweist täglich, wie schlecht Kinder und Jugendliche vor dem Alkohol geschützt werden

Kinderspiel: In 80 Prozent aller Fälle gibt‘s Wodka

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Er hat‘s wieder geschafft: So leicht wie der 16-jährige Testkäufer Giuliano Hierl Alkohol bekommt, kaufen auch andere Jugendliche Hochprozentiges ohne Kontrolle.

Offenbach – Die Schreckensmeldungen über Alkohlexzesse von Jugendlichen reißen nicht ab. Über 23.000 Teenies zwischen zehn und 20 Jahren wurden 2007 mit Alkoholvergiftung stationär in Krankenhäusern behandelt, fast 1500 allein in Hessen. Tendenz steigend. Ralf Hohmann schockiert jeder neue Fall. Als Geschäftsführer einer Offenbacher Testkauf-Agentur ist er mit einer der Ursachen konfrontiert: Jugendliche kommen viel zu leicht an Alkohol. Von Andreas Einbock

Mit einem verschmitzten Lächeln läuft Giulano Hierl die Treppenstufen eines Kiosks herunter. In der Hand hält er eine Flasche Wodka. „Ja, da haben wir‘s wieder. So einfach läuft das. Nicht einmal nach dem Ausweis hat sie gefragt“, kommentiert Ralf Hohmann den erfolgreichen Testkauf, bevor ihm Giulano die hochprozentige Beute übergibt.

Der 16-Jährige verdient sich seit zwei Jahren sein Taschengeld als Testkäufer. Als er zehn Jahre alt war, wurde er durch den Alkoholmissbrauch seines Freundes, der sich 5,2 Promille aus Apfelkorn und Bier angetrunken hatte, mit dem Thema konfrontiert. Seine erstes Bier trank Giulano schon vor zwei Jahren. „Ich kenne meine Grenzen. Aber viele Kumpels an der Schule kippen sich alles Mögliche rein ohne zu schlucken. Das ist einfach widerlich“, sagt der Frankfurter Schüler. Durch das Trinken ohne Schlucken könnten Jugendliche innerhalb kürzester Zeit mehr Alkohol aufnehmen als sonst üblich. Außerdem wirkt er schneller.

Unverständnis hat auch Ralf Hohmann, allerdings für die Ordnungsämter und die deutschen Gesetze. „Da wird überhaupt nicht kontrolliert. Anstatt unsere Jugend zu schützen werden teure Sicherheitsdienste und externe Firmen engagiert, die haufenweise Knöllchen verteilen. Mit Verkaufskontrollen würden die wesentlich höhere Bußgelder eintreiben und gleichzeitig die Jugend besser schützen“, sagt der 44-jährige Frankfurter. Wie ineffektiv die derzeitigen Kontrollen sind, muss Gerald Glamser von der Frankfurter Stadtpolizei eingestehen: „Wir haben 14 Lebensmittelkontrolleure im Einsatz. Da wir keine Jugendliche als Käufer losschicken dürfen, ist es aber ein reiner Zufall, wenn wir etwas entdecken.“ Ralf Hohmann wird dagegen fast immer fündig. Täglich beweist er, dass der Kauf von weichen aber auch harten Alkoholika ein Kinderspiel ist. „Am Anfang ist das immer eine Katastrophe. In 80 Prozent der Fälle bekommen die Jugendlichen völlig problemlos Schnaps. Nachdem die Kunden mit diesen Ergebnissen sensibilisiert sind, schulen sie ihre Verkäufer. Fast immer ist das so erfolgreich, dass wir dort nichts mehr verkauft bekommen“, beschreibt Hohmann sein Konzept.

Das wendet der Geschäftsführer bei etwa 2000 Testkäufen in Monat an. Sein Team aus vier Erwachsenen und 16 Jugendlichen schickt er bei 186 Discountern, Großhändlern und Läden in Frankfurt, Offenbach, Saarbrücken, Offenburg, München, Bayreuth und Kassel zum Einkauf. Giuliano hat da schon einiges erlebt: „Einmal hat eine andere Verkäuferin für mich eine Flasche gekauft. Das Verrückteste war aber ein Verkäufer, der seine Kollegin an der Kasse zur Seite schob, mir den Wodka verkaufte und dann sagte, verdirb dem Jungen nicht sein Wochenende.“

Dass er auf den Shoppingtouren nie allein unterwegs ist, darauf legt Testkauf-Inhaber Hohmann großen Wert. Deshalb versteht er auch nicht, warum die Bundesgesundheitsministerin mit ihrem Vorschlag scheiterte, derartige Kontrollen flächendeckend einzuführen. Von der Leyens Plan wurde vor zwei Jahren vom Einzelhandel und vom Kinderschutzbund als unverhältnismäßig und moralisch verwerflich abgestempelt. „Völliger Quatsch. Die Ware wird wieder beim Kunden abgegeben, die Kinder werden betreut und sie sind auch nie allein unterwegs. In anderen Ländern geht es doch auch“, sagt Hohmann. In der Schweiz oder Norwegen sei das schon längst normal.

Hohmanns Hoffnung auf eine bessere Situation gibt Tilmann Holzer vom Gesundheitsministerium in Berlin: „Im Koalitionsvertrag ist dazu ein nationaler Aktionsplan vorgesehen. Um Jugendliche als Testkäufer einzusetzen, ist aber eine Paragrafenänderung im Jugendschutzgesetz notwendig.“ Dann könnte es los gehen.

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