Das Paradies liegt am Main

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In diesem Wohnblock mitten in Offenbach werden zahlreiche Wohnungen als Massenunterkunft für bulgarische Wanderarbeiter genutzt.

Region Rhein-Main – Eine regelrechte Bulgaren-Schwemme bricht über das Rhein-Main-Gebiet herein. Abertausende versuchen ihr Glück auf dem hiesigen Arbeitsmarkt. Und es werden ständig mehr. Von Christian Reinartz

Geködert werden sie offenbar von Schleusern: Mindestens ein Jahr müssen sie möglichst unauffällig arbeiten. Danach können sie für immer das deutsche Sozialsystem in Anspruch nehmen.

Es gibt Straßen in Offenbach, da steht alle paar Meter ein Auto mit bulgarischem Kennzeichen. „Allein auf dem Weg heute morgen zur Arbeit habe ich nur in einer Straße zehn Autos gezählt“, sagt Andrea Egerer, Geschäftsführerin des Starthauses, einer Offenbacher Einrichtung für Migranten-Sprachkurse und -Beratung.

Ein Transporter aus Bulgarien an der Kraftstraße in Offenbach. Auf dem Armaturenbrett stehen Badutensilien.

Das Problem: Billige Arbeiter aus Osteuropa, im Moment vorzugsweise aus den neuen EU-Ländern Rumänien, aber vor allem Bulgarien, kommen nach Deutschland und versuchen sich hier mit Dumpinglöhnen von manchmal nur drei Euro pro Stunde über Wasser zu halten. Nach der Arbeit schlafen sie in Mini-Unterkünften, mieten sich für hundert Euro ein Bett, das sie sich auch noch teilen müssen. Ganze Wohnblöcke werden mittlerweile in der Offenbacher Innenstadt auf diese Weise vermietet. Manche Bulgaren verdienen aber selbst dafür nicht genug. Sie schlafen zu sechst in Lieferwagen, mitten in der Stadt, ihre Toilette ist der Rinnstein. Tagsüber bevölkern sie die Bürgersteige und Parkplätze. „Die haben ja keinen Wohnraum, wo sie sich aufhalten können“, erklärt Egerer. „Aber das ahnen die meisten Anwohner und Passanten nicht. Die stört das nur.“

Auch Marcus Schenk, Sozialpädagoge und Quartiersmanager in Offenbach, bestätigt die Lage: „Das alles ist Realität.“ Der Mann kämpft seit langem im Namen der Stadtverwaltung gegen die Zustände in der Innenstadt, versucht Massenunterkünfte zusammen mit den Ordnungsbehörden auflösen zu lassen und erklärt den Menschen ihre Rechte.

Aber sobald eine Unterkunft geschlossen wird, öffnet woanders die nächste.“ Das Schlimme seien ja nicht die Bulgaren, die zum Arbeiten herkommen. Das seien ganz arme Menschen, die einfach nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen wollten. „Die Schleuser, die sie hierher bringen, sind die Schlimmen“, sagt Schenk. „Die versprechen denen das gelobte Land. Dabei werden sie hier sowohl von Vermietern als auch von Firmen nur ausgenutzt.“ Viele der Wanderarbeiter halten das aus, immer ein Ziel vor Augen. Wenn sie es schaffen, ein ganzes Jahr hier als Selbstständige zu arbeiten, haben sie lebenslanges Anrecht auf deutsche Sozialleistungen. Heißt im Klartext: Hartz IV! Und das sei für viele die Fahrkarte ins Glück. Denn die Situation in ihren Heimatländern ist meist so unerträglich, dass schon das Leben in einem Transporter luxuriös dagegen ist. Besonders krass: Die Schleuser kennen mittlerweile die Kniffe und geben den Bulgaren offenbar regelrechte Broschüre an die Hand, in denen erklärt wird, auf was sie achten müssen.

Steffen Römhild, Sprecher des Frankfurter Jobcenters, bestätigt den Mechanismus: „Wer weniger als ein Jahr arbeitet, hat nur Anrecht auf sechs Monate Arbeitslosengeld II. Wer ein ganzes Jahr nachweisen kann, hat theoretisch unbegrenzt Anrecht darauf, wenn er seine Arbeit verliert.“ Allerdings werde das genaustens geprüft. Zudem stehe er dann auch dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung und müsse versuchen, unterzukommen, betont Römhild. 

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