„Der Staat muss mit mehr Härte durchgreifen“

Ismail Tipi: „Sarrazin hat im Kern Recht“

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Thilo Sarrazin
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Heusenstamm – Die Debatte um die Äußerungen von Thilo Sarrazin reißt nicht ab. Auch nicht nach seinem freiwilligen Rücktritt aus dem Bundesbank-Vorstand. Migration, Integration, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Religionsfanatismus spielen eine Rolle und werden einzeln diskutiert oder vermengt. Von Axel Grysczyk

Der EXTRA TIPP sprach mit dem muslimischen CDU-Landtagsabgeordneten Ismail Tipi, der sich im Petitionsausschuss zu großen Teilen mit Ausländerfragen beschäftigt und zudem in einer Enquête-Kommissionen des Landes zu Migration und Integration aktiv mitwirkt.

EXTRA TIPP: Derzeit lautet die öffentliche Meinung: Sarrazin hat übertrieben, aber seine Zustandbeschreibung über die verfehlte Integration trifft zu. Hat er nun Recht?

Ismail Tipi

Ismail Tipi: Sarrazin hat im Kern Recht. Er spricht viele Dinge an, die auch den Großteil der Migranten stören. In Deutschland leben 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Und die meisten, die Sozialabgaben zahlen und Leistung zeigen, die unterstützen die Sarrazin-Thesen. Störend sind nur die beleidigende Form und der Zeitpunkt.

Warum?

Als die Diskussion aufkam, war Ramadan in der muslimischen Welt. Ein Fest, das mit Weihnachten bei den Christen vergleichbar ist. Da geht es um Frieden und Versöhnung und nicht um Provokation.

Sie sind gebürtiger Türke und sind integriert. Viele Deutsche unterstellen, dass so etwas zu vielen Türken nicht gelingt. Wie könnten sie sich besser angleichen?

Sie sollen sich um Integration bemühen.

Aber Integration ist Angleichung, oder?

Migranten müssen sich den deutschen Gegebenheiten anpassen, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Und das allererste und oberste Ziel ist, die Sprache zu erlernen. Ich denke deutsch, ich träume deutsch, ich lache deutsch. So muss es sein.

Türken wird aber oft unterstellt, dass sie vom Islam gelenkt werden. Sarrazin nennt die Frauen „Kopftuchmädels“.

In der Türkei haben die Menschen genauso Angst vor Religionsfanatikern. Die Türken haben einen Staat, in dem Religion und Staat getrennt sind. Sie wollen friedlich leben und keinen Fanatismus. Und solange jemand ein Kopftuch trägt, ist das kein Problem. Es ist nur ein Quadratmeter Stoff, wie ihn auch andere Frauen als Kopfbedeckung überall auf der Welt tragen. Ein Problem wird‘s, wenn das Kopftuch zu einem politischen Symbol wird.

Muss ihrer Meinung nach auch die Mehrheitsbevölkerung etwas leisten?

Integration ist keine Einbahnstraße. Man sollte keine Vorurteile haben, wenn's mal kleinere Probleme gibt. Ich persönlich glaube, dass wir gelassener sein müssten. Wir leben in einem großartigen Land mit hohen Sicherheitsstandards, Wohlstand, Meinungsfreiheit und noch vielen mehr. Dafür sollten wir dem Herrgott jeden Morgen danken.

Trotzdem gibt's Probleme mit sozial schwachen Migranten.

Die gibt's, ja. Aber da ist der Staat gefordert. Hier muss entschieden mit mehr Härte durchgegriffen werden. Schnellere Urteile, weniger Nachsicht bei Verurteilungen, die ganze Härte der bestehenden Gesetze anwenden. Es kann nicht sein, dass ein Jugendlicher vor Gericht verspricht, nichts mehr anzustellen, dann sofort frei kommt und anschließend wieder Angst und Schrecken verbreitet.

Was würden Sie Herrn Sarrazin sagen, wenn Sie ihn heute treffen würden?

Ich würde mit ihm ein Glas Wein trinken gehen. Ich glaube, wir würden uns sehr schnell gut verstehen.

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Axel Grysczyk

Axel Grysczyk

E-Mail:axel.grysczyk@extratipp.com

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