Über eine Störung, die uns fast täglich begegnet

Die Sadisten sind unter uns! Wie sie ticken, wie man sie erkennt

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Region Rhein-Main – Sadisten sind immer Serienkiller oder quälen wenigstens Tiere? Keineswegs. Die meisten leben unerkannt mitten unter uns – in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Keiner ahnt, dass diese TypenFreude daran haben, wenn andere leiden. Von Christian Reinartz

Der Chef rastet aus, weil das Wochenziel verfehlt wurde? Eine Situation, die im Berufsleben nicht selten vorkommt. Doch was, wenn es dem Chef dabei schon längst nicht mehr um die Sache geht? Was, wenn der einzige Grund für die Standpauke ist, dass es ihm Spaß macht, seine Untergebenen zu quälen? Eines ist klar: Das Phänomen Alltagssadismus scheint viel häufiger vorzukommen, als die meisten ahnen.

Eine, die als Sadismus-Expertin gilt, ist Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Sie erklärt. „Eigentlich ist der sogenannte Alltags-Sadismus gar kein Sadismus im wissenschaftlichen Sinn.“ Darunter falle nämlich ausschließlich der sexuelle Sadismus, bei dem es immer um die Erregung und Befriedigung sexueller Bedürfnisse gehe. „Das, was heute von Laien als Alltags-Sadist bezeichnet wird, wurde früher Charakter-Sadismus genannt.“ Heute würde diese Symptomatik eher als eine besonders ungünstige Mischung aus einer antisozialen und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung eingeordnet. „Menschen mit diesem Persönlichkeitsmix haben kaum Mitgefühl und Schuldgefühl, denken stets an sich, gieren danach, ihre Bedürfnisse möglichst schnell und einfach zu befriedigen“, sagt Benecke. Mitmenschen seien ihnen weitestgehend egal und für sie nur ein Mittel zum Zweck oder eine Bedrohung, der sie mit offener oder verdeckter Aggression gegenüberträten.

Doch warum empfinden die Alltags-Sadisten überhaupt Freude, wenn sie andere leiden lassen?

„Sie halten sich für wertvoller, klüger und allgemein besser als andere Menschen und genießen es, diesen zu zeigen, dass sie auf sie herabsehen.“ Indem sie andere Menschen im Alltag quälten und demütigten, werteten sie ihr eigenes Ego auf.

„Im Grunde fühlen sie sich aber als total wertlose Versager. Als Gegenmechanismus zu ihrem sehr negativen Selbstbild entwickeln sie ein auf der anderen Seite extrem positives und machtvolles Idealbild von sich. Diese extreme Abwehr von Minderwertigkeitskomplexen durch ein übersteigertes Ego ist der Kern jeder narzisstischen Persönlichkeit“, sagt Benecke.

Schützen kann man sich gegen die Übergriffe der Sadisten kaum. „Diese Leute suchen sich ja gerade diejenigen als Opfer aus, die ihnen hilflos ausgeliefert sind und ihnen nichts oder nur wenig entgegensetzen können. Oft liegt da auch ein berufliches Machtgefälle zugrunde“, sagt Benecke: „An selbstbewusste Menschen trauen sie sich gar nicht heran.“

So erkennt man Alltags-Sadisten

Der Begriff Alltags-Sadist oder auch Charakter-Sadist ist wissenschaftlich überholt. Stattdessen sprechen die Fachleute von einer Mischung aus einer antisozialen und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Der klassische Sadist wird begrifflich ausschließlich im sexuellen Bereich angesiedelt. Dennoch wird der Begriff des Sadismus im Volksmund weiterhin für die Menschen benutzt, die einfach Freude daran haben, anderen Leid zuzufügen. Der EXTRA TIPP erklärt, an welchen Punkten man einen Alltags-Sadisten erkennen kann. Etwa wenn er

1. körperliche Gewalt anwendet, um seinen Willen durchzusetzen,

2. Mitmenschen vor anderen bewusst beschämt,

3. unangemessen hart bestraft,

4. sich im Alltag am gefühlsmäßigen oder körperlichen Leiden anderer erfreut,

5. lügt, um andere zu verletzen oder zu schädigen

6. anderen Menschen Angst macht, um seinen Willen durchzusetzen,

7. Menschen, die ihm nahe stehen unangemessen einschränkt und kontrolliert,

8. von Waffen und Grausamkeit allgemein wie Folter und Verletzungen fasziniert ist.

Wenn mindestens vier der Punkte zutreffen, steht höchstwahrscheinlich ein Alltags-Sadist vor einem!

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