Rolli-Fahrer kommen nicht zum Zug

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Heike Herrmann darf weder rechts noch links an dem Geländer vorbei. Darauf weisen die gelben Warnschilder hin.

Obertshausen – Heike Herrmann schüttelt ungläubig den Kopf. Gerade erst ist sie in ihrem Rollstuhl sitzend die Rampe an der S-Bahn-Station in Obertshausen hoch gekommen, als sie die Schilder auf dem Bahnsteig sieht. „Durchfahrt für Rollstuhlfahrer nicht geeignet“ steht darauf. Von Norman Körtge

Eines dieser Schilder soll wieder abmontiert werden.

Die Beschilderung an der S-Bahn-Station in Obertshausen ist grotesk. Zumindest für Rollstuhlfahrer. Denn halten sie sich an die Hinweise auf den Schildern, dürfen sie sich auf dem Bahnsteig lediglich in einem wenige Quadratmeter großen Bereich aufhalte. Und der ist auch noch als Raucherbereich ausgewiesen. Außerdem hält der S-Bahn-Zug nicht auf Höhe dieses Areals. Heike Herrmann, Vorsitzende des Vereins „Offenbacher Behinderten Selbsthilfe“, hat zwar schon viel erlebt, aber so etwas: „Das ist doch ein Schildbürger-Streich?“, fragt sie ungläubig.
Dieses Wort mag die Deutsche Bahn in Frankfurt zwar auf EXTRA-TIPP-Nachfrage nicht nennen, aber sie gibt zu: „Da ist einfach ein Fehler passiert“, sagt ein Sprecher. Aus Sicherheitsgründen sollte lediglich auf der Bahnsteigseite, in der die Züge Richtung Rödermark einfahren, die Warnschilder angebracht werden. Zwar ist der Bahnsteig auf beiden Seiten des Treppenaufgangs gleich schmal, aber Rollstuhlfahrer sollten auf die Seite gelotst werden, damit sie einfahrende Zügen sehen können, wenn sie in dem verengten Bereich sind. „Wir werden schnellstmöglich die versehentlich angebrachten Schilder abmontieren“, so der Bahn-Sprecher.

Auf dem Bahnsteig gefangen


War es im Obertshäuser Fall ein schlichter Fehler, kann Heike Herrmann, die seit knapp 30 Jahren im Rollstuhl sitzt, eine nicht enden wollende Auflistung von Beispielen nennen, in denen einfach in der Planung nicht an behinderte Menschen gedacht worden ist. Aber sie nimmt viele Dinge mittlerweile mit einem bissigen Humor hin. „Hier in Obertshausen gibt es wenigstens keinen Aufzug, der kaputt gehen kann und man dann auf dem Bahnsteig gefangen ist“, sagt sie mit deutlicher Ironie in der Stimme und wird ernst: „Ich traue mich eigentlich nicht mehr, alleine mit öffentlichen Verkehrsmittel zu fahren.“ Zwar gebe es sehr behindertenfreundliche Stationen, „aber ich kann mir meine Freunde ja nicht nach der Haltestelle aussuchen“, so Herrmann.
Deshalb sieht sie sich als Vorsitzende des Offenbacher Vereins in der Pflicht, Behinderte aus ihrem Nischendasein heraus zu holen und immer wieder allen deutlich zu machen, dass es auch Menschen gibt, die nicht einfach so eine Treppe nach oben oder unten laufen können.

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