Stadt hat Nebenkosten falsch berechnet

Rodgauer Sozialwohnungen zum Wucher-Preis

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Ilse Turba (von links), Ursula Burk, Angela Wischnat und Jolanta Heiland können die hohen Nebenkosten ihrer Sozialwohnungen an der Rodgauer Ludwigstraße nicht fassen. Sie werfen der Stadt Fehlplanung vor.

Rodgau – Eigentlich hatte die Stadt Rodgau ihren Mietern an der Ludwigstraße günstige Wohnungen versprochen. Doch eineinhalb Jahre nach Einzug ist nun die Nebenkostenbombe geplatzt. Jetzt werfen die Mieter der Stadt grobe Fehlplanung vor. Von Christian Reinartz 

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Als Ilse Turba Anfang 2013 in die kleine Dachgeschosswohnung an der Ludwigstraße im Rodgauer Stadtteil Jügesheim einzieht, denkt sie, eine perfekte Bleibe gefunden zu haben: Eine Sozialwohnung, neugebaut und mit allerneusten energetischen Finessen ausgestattet. Versprochen werden von der Stadt, die Vermierterin ist, deshalb niedrige Nebenkosten. Auch Turbas Nachbarinnen Jolanta Heiland, Ursula Burk und Angela Wischnat, sowie zahlreiche andere Mieter vertrauen der Stadt und richten an der Ludwigstraße ihr neues Zuhause ein. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Mieter der Wohnungen in irgendeiner Form körperlich gehandicapt oder brauchen soziale Unterstützung. „Gerade deshalb waren wir doch froh, hier eine schöne Bleibe gefunden zu haben“, sagt Turba.

 

Böses Erwachen bei erster Nebenkostenabrechnung

 

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Doch das böse Erwachen kam mit der ersten Nebenkostenabrechnung. „Da bin ich vor Schreck fast umgefallen“, sagt Ilse Turba. 1327 Euro soll sie nachzahlen. Ihre bis dahin noch recht günstige Monats-Warmmiete wurde zudem mit einem Schlag auf knapp 600 erhöht. Auch die anderen Mieter des Hauses haben mit den extrem gestiegenen Nebenkosten zu kämpfen. Und es soll noch weitergehen. Drei Tage nach der Horror-Abrechnung flattert erneut ein Schreiben ins Haus. Darin kündigt die Stadt mögliche weitere Kosten an, unter anderem für Wartungsarbeiten an Heizung und Belüftungsanlage.

„Auf einmal wird aus einer erschwinglichen Sozialwohnung eine teure Bleibe, die sich viele von uns nicht mehr leisten können“, sagt Nachbarin Ursula Burk.

Ilse Turba ist überzeugt: „Die Stadt wollte uns doch nur mit günstigen Nebenkosten ködern, um jetzt draufzuschlagen und uns aus den Wohnungen zu ekeln. Auch die anderen Mieter haben diesen Verdacht. Sie hätten die Information erhalten, dass die Stadt Rodgau nur verpflichtet sei, den niedrigen Sozialmietpreis von 6,38 Euro pro Quadratmeter beim Erstbezieher für 20 Jahre zu garantieren. Würde allerdings jemand ausziehen und die Wohnung würde neu vermietet werden, könnte ein höherer Preis verlangt werden, vermutet Turba.

Mieterschutzbund: Nebenkosten viel zu hoch

Die Stadt weißt das zurück. Sprecherin Sabine Fischer stellt klar: „Wir werden auch in Zukunft bei einem Quadratmeterpreis von 6,38 Euro bleiben. Auch, wenn ein neuer Mieter einziehen sollte.“ Abgesehen davon sei auch nach der Erhöhung die Warmmiete sehr günstig.

Das sehen die Juristen beim Frankfurter Mieterschutzbund anders. Die Nebenkosten seien im konkreten Fall „viel zu hoch“ und lägen weit über dem, was man sonst maximal veranschlage.

Was bleibt, ist also die Frage, wie die Nebenkosten so explodieren konnten. „Dann ist das Ganze einfach eine grobe Fehlplanung“, sind Turba und ihre Nachbarinnen überzeugt. „Da hat sich jemand völlig verrechnet und jetzt wälzen die das auf uns ab.“ Als der EXTRA TIPP nachfragt, gesteht Sabine Fischer ein: „Wir haben die Höhe der Nebenkosten falsch eingeschätzt.“ Dazu gehörten auch etwa Kosten für Hausmeister, Fahrstuhl und Treppenhausreinigung. Aber auch das Heizverhalten der Mieter sei unterschätzt worden. Fischer: „Das ist dort ein ganz besonderes Heizssystem, das auch richtig bedient werden muss.“ Sonst könnten höhere Kosten entstehen.

Viele Mieter müssen ausziehen

Bei der Stadt hat man reagiert. „Wir lassen in den Treppenhäusern Bewegungsmelder installieren und die Heizungsanlage überprüfen“, verspricht Fischer. Dazu habe man angefangen, den Mietern die Benutzung der modernen Lüftungsanlage nochmal ausführlich zu erklären.

Für Turba ist das kein Trost: „Ich habe mittlerweile gekündigt, weil ich die Wohnung so nicht mehr bezahlen kann.“

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