Ritalin-Missbrauch:

Jugendliche verkaufen Kinder-Koks

+
Jugendliche verkaufen das gefährliche ADHS-Medikament Ritalin als Aufputschmittel.

Region Rhein-Main – Der massenhafte Einsatz von Ritalin rächt sich nun. Immer häufiger missbrauchen offenbar Jugendliche und Studenten das auch als Kinder-Koks bezeichnete Medikament als Wachmacher und Droge zur Leistungssteigerung. Von Christian Reinartz

Denn bei nicht ADHS-Patienten wirkt das Medikament ähnlich wie Koks. Die Fälle scheinen sich zu häufen. In Frankfurt wird sogar schon überlegt, für den jährlichen Drogentrendbericht, gezielt nach Ritalin zu fragen.

Während in den 90er-Jahren nur etwa 35 Kilogramm Ritalin pro Jahr verschrieben wurden, verteilen Hausärzte heute knapp zwei Tonnen des Medikaments. Nicht alle Jugendlichen, die das Mittel schlucken sollen, tun dies aber auch. Stattdessen verkaufen sie einen Teil ihrer Pillen für kleines Geld an Klassenkameraden oder Kommilitonen, die sich aufputschen wollen.

Medikament hat starke Nebenwirkungen

Julia Abb von der Techniker Krankenkasse in Frankfurt kennt das Problem des Ritalinmissbrauchs: „Wir hören immer wieder davon und sind selbst bei Recherchen im Internet auf viele Jugendliche gestoßen, die Ritalin bewusst zum Aufputschen einnehmen.“

Der Wirkstoff Methylphenidat erleichtert nämlich das Lernen. Die Hirnaktivität wird auf das Wesentliche fokussiert, alles andere zurückgefahren. „Dabei hat das Medikament aber auch starke Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit.“ Über die langfristigen Folgen der Einnahme gebe es, laut Abb, gar keine Erkenntnisse.

Wie einfach Ritalin zu besorgen ist, weiß der Mitarbeiter einer Drogenberatung, der nicht genannt werden will, weil er Sanktionen befürchtet. „Es ist ansich überhaupt kein Problem an Ritalin zu kommen. Aber darüber spricht keiner. Das wird totgeschwiegen.“ Der Mechanismus sei einfach: Jugendliche, die das Medikament haben wollen, erwähnen beim Kinderarzt einige typische Symptome. „Dann wird das ruckzuck verschrieben“, behauptet der Fachmann.

Ritalin ist verschreibungspflichtig

Lesen Sie auch:

Wenig Familie und viel Stress: Kinder bekommen Tics

Sind die steigenden Zahlen beim Komasaufen nur ein Mythos?

K.o. Tropefen in Frankfurter Clubs verabreicht

Julia Abb hingegen verweist darauf, dass seit 2010 verschärfte Richtlinien für die Verschreibung von Methylphenidat gelten. „Nur noch Kinderärzte oder Kinderpsychologen dürfen das verschreiben“, sagt sie. Zudem dürfte das Ritalin nur Teil einer ganzen Therapie sein.

Die ergaunerten Pillen setzten die Jugendlichen dann entweder dafür ein, sich selbst aufzuputschen, oder verkauften sie, um das Taschengeld aufzubessern. Zahlen, wie häufig Kinder ihr Ritalin auf dem Schulhof verkaufen gibt es nicht. „Nicht zuletzt deshalb, weil kein Direktor zugeben will, dass es auf seinem Pausenhof ein Drogenproblem gibt“, sagt der Drogenberater: „Also wird weggeschaut.“ Er selbst bekomme aber immer wieder von Jugendlichen berichtet, dass dies vorkomme.

Drogen-Spezialist Bernd Werse, der beim Centre for Drug Research der Uni Frankfurt das jährliche Drogenscreening für die Stadt Frankfurt erhebt, nimmt die Entwicklung ernst: „Wir überlegen, in Zukunft auch gezielt nach Ritalinmissbrauch zu fragen.“

Mehr zum Thema

Kommentare