Rentner bleiben auf der Strecke

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Friedrich Richter kraxelt hinauf in den Zug.

Babenhausen – Bahnstationen sind oft dreckig, von Graffitis verschandelt und mit kaputten Automaten ausgestattet (der EXTRA TIPP berichtete). Damit könnte Friedrich Richter irgendwie noch zurecht kommen. Für den Rentner stellt vor allem die 40 Zentimeter Einstiegshöhe eine Hürde dar. Von Andreas Einbock

Die Bahnstation in Babenhausen wirkt auf den ersten Blick wie viele andere: Die Unterführung ist verschmutzt, Fliesen sind abgefallen, zu den Treppenaufgängen gelangt man nur im Zick-Zack-Kurs vorbei an den Pfützen. Friedrich Richter setzt einen Fuß vor den anderen und stützt sich auf seinen Stock, bevor er die ersten Treppenstufen nimmt. „Den Fahrstuhl gibt‘s hier schon lange nicht mehr“, sagt der 77-jährige Babenhausener. Am Bahnsteig angekommen wartet er auf die Regionalbahn 75 nach Aschaffenburg. „Ich habe Diabetes und seit ein paar Wochen habe ich kaum noch ein Gefühl in den Beinen“, berichtet Richter. Neben etwa 20 Kindern und Jugendlichen warten auch zwei weitere Rentner an der Bahnsteigkante.

40 Zentimeter sind zu viel für Menschen mit Gehbehinderung

Während der Zug einfährt, schaut eine ältere Dame hektisch nach der Waggontür für die Fahrräder: „Da hat man wenigstens noch eine Chance, allein in den Zug zu kommen. Nur ich weiß nie genau, wo diese Tür sein wird.“ In der Zugmitte lässt Richter dem Pulk der Kinder den Vortritt, ehe er das Problem vieler Älterer verdeutlicht. Mit dem Gehstock in der linken Hand ergreift er mit beiden Händen das Geländer im Waggon, senkt den Kopf, konzentriert sich auf die ausgeklappte Stufe und zieht sich mühevoll in den Wagen. „Das ist doch eine absolute Zumutung. Sie müssten mich erstmal aussteigen sehen. Das geht nur rückwärts wie bei einem Krebs“, schimpft der Rentner über den hohen Abstand zwischen Bahnsteig und Treppenstufe. „Ich hab‘s mal ausgemessen und kam auf 40 Zentimeter. Wie sollen das die Alten schaffen?“

Aus lauter Frust fahre er mit dem Auto oft große Umwege, nehme dabei noch andere Senioren mit zu anderen Bahnstationen oder fahre gleich mit dem Bus. „Der braucht aber statt zwölf fast 50 Minuten für die Strecke.“

Anhebung des Bahnsteigs kommt frühestens 2013

Bei der Deutschen Bahn ist das Problem bekannt „Wir haben eben die historischen Altlasten, aus denen wir das Beste machen müssen“, sagt Hartmut Lange, Pressesprecher der Deutschen Bahn in Frankfurt, und ergänzt: „Die Station in Babenhausen ist über 150 Jahre alt und alle 20 Jahre gibt es eine neue Waggon-Generation.“ Den schwarzen Peter sieht er nicht bei der Deutschen Bahn: „Der RMV hat vor etwa zwei Jahren die Strecke ausgeschrieben und wollte unbedingt unsere Doppelstockwagen haben. Die haben wir bieten können und die Ausschreibung gewonnen.“ Vielmehr sei der Nahverkehr Ländersache und auch die Kommunen seien gefordert. „Mit der sind wir in Verhandlungen und werden 2013 die Station komplett sanieren. Dabei werden Aufzüge gebaut und der Bahnsteig von 38 auf 76 Zentimeter angehoben“, so Lange.

Rentern wie Friedrich Richter nützt das nichts. Sie werden weiterhin riskante Einstiegsmanöver auf sich nehmen müssen oder gleich auf die Bahnfahrt verzichten.

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