Er bringt Rente mit 69 ins Spiel

+
Wolfgang Steiger (am Pult) ermahnt Politiker - wie hier Finanzminister Wolfgang Schäuble - zu einer transparenter Diskussion um das Rentensystem der Zukunft.

Rödermark/Berlin – Seit 15 Monaten arbeitet Wolfgang Steiger als Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrates in Berlin. Zuletzt sorgte sein Vorschlag zur Rente ab 69 Jahren für Aufsehen. Der EXTRA TIPP sprach mit dem 46-jährigen Unternehmer aus Urberach über das Rentensystem der Zukunft. Von Andreas Einbock

Die Debatten über die Einführung der Rente mit 67 Jahren waren lang. Wieso legen Sie mit Ihrer Forderung jetzt nach, obwohl die Anpassung erst ab 2012 anläuft?

Für die Finanzierung eines Rentenversicherungssystems gibt es zwei Alternativen. Entweder wird durch Sparen vorgesorgt oder es werden genügend Kinder geboren. Unsere gesetzliche Rente basiert auf dem letzteren Prinzip. Da aber die Geburtenrate seit 40 Jahren zu niedrig ist, brauchen wir eine Lösung, die neben Beitragserhöhung, Leistungssenkung natürlich auch die Rente mit 69 Jahren sein kann. Welche dieser drei Stellschrauben wir dann anziehen, wird sich zeigen. Fakt ist, dass heute 34 Prozent der Erwerbsfähigen über 65 Jahre alt sind. Im Jahr 2029 werden es 58 Prozent sein.

Wirtschaftsrat

Der Wirtschaftsrat ist ein bundesweit organisierter Berufsverband mit fast 12.000 Unternehmern und Führungskräften, der 1963 gegründet wurde. Er macht auf Folgen neuer Gesetze aufmerksam und entwickelt Verbesserungsvorschläge.

Sie prangern außerdem an, dass die Wirtschaft mehr ältere Arbeitnehmer einstellen muss. Welche Anreize kann denn die Politik dafür liefern?
Bei Anreizen denken alle immer an Subventionen oder Förderprogramme. Von diesem Anspruchsdenken sollten wir uns lösen. Stattdessen brauchen wir mehr ehrliche Antworten von der Politik. Zum Beispiel das Eingeständnis, dass der Weg der Frühverrentung falsch war. Auch über Qualifizierung und Zuwanderung muss offen diskutiert werden. Und wir müssen ein Bewusstsein schaffen, dass die Mischung von älteren und jungen Arbeitnehmern Vorteile für ein Unternehmen bringt. In Skandinavien funktioniert das schon ganz gut.

Welche Lösungsansätze gibt es für die Berufsgruppen mit unterschiedlicher, körperlicher Belastung?

Natürlich kann nicht jeder bis Mitte oder Ende 60 auf Dächern arbeiten. Hier stehen Unternehmen in der Mitverantwortung, durch flexiblere Einsatzmöglichkeiten Ältere einzubinden. Ich bin mir sicher, dass sie das machen werden, denn aufgrund des Fachkräftemangel ist das in ihrem ureigenen Interesse.

Ab welcher Höhe des Rentenbeitrags, der aktuell bei 19,9 Prozent liegt, würde Ihr Vorschlag der Anhebung des Renteneintrittsalters greifen?

Jeder Prozentpunkt an Lohnzusatzkosten vernichtet Arbeitsplätze. Deshalb sollten wir uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass der Beitrag zur Rentenversicherung unter 20 Prozent bleibt. Nach dem aktuellen Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung wird uns das ab dem Jahr 2020 nicht mehr gelingen.

Wolfgang Steiger

Der 46-Jährige Unternehmer aus Urberach ist gelernter Bankkaufmann und war bis 2009 Kreisvorsitzender der CDU Offenbach-Land. Steiger ist verheiratet und Vater eines 18-jährigen Sohnes.

Sie sprachen Skandinavien als Vorbild im Bereich ältere Arbeitnehmer an. Was läuft in diesen Ländern besser als bei uns?
Die Skandinavier haben eine höhere Erwerbsbeteiligung Älterer, weil es Ihnen besser gelingt, sie durch gezielte Weiterbildung gegenüber Jüngeren konkurrenzfähig zu halten. Hier hat Deutschland massiven Nachholbedarf. Nur sieben Prozent unserer Unternehmen beziehen Ältere in Weiterbildungsangebote ein. Eine spezielle, auf ältere Menschen zugeschnittene Weiterbildung bietet sogar nur ein Prozent der Betriebe an.

Was halten Sie vom Vorschlag des dänischen Ministerpräsidenten Lars Løkke Rasmussen, die Rente mit 70 einzuführen und später das Rentenalter parallel zur Lebenserwartung anzuheben?

In Dänemark sind die Folgen der alternden Gesellschaft bereits heute deutlich zu sehen. Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise litt die Wirtschaft unter akutem Fachkräftemangel und es herrschte Vollbeschäftigung. Gleichzeitig gehen immer mehr Arbeitnehmer in Vorruhestand. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre ist die logische Konsequenz. Die Kopplung an die Lebenserwartung hat zumindest den Vorteil, dass die Rente wirklich langfristig sicher ist – eine Situation, die sicherlich auch viele Bürger in Deutschland beruhigen würde.

Sie sind jetzt seit 15 Monaten als Chef des Wirtschaftsrates im Amt. Wie fällt ihr persönliches Fazit aus?

Ich bin motiviert wie am ersten Tag, weil ich weiß, dass unsere Arbeit sinnvoll ist. Wenn der Wirtschaftsminister der FDP mir auf die Schulter klopft und weiter kritische Einmischung wünscht, dann kann unsere Arbeit nicht so verkehrt sein.

Verdi Hessen: Rente mit 69 ist menschenverachtend

Jürgen Bothner.

Kein Verständnis für Steigers Überlegungen hat Jürgen Bothner, Chef vom Verdi-Landesbezirk Hessen. „Heute ist es die Rente mit 67, morgen mit 69 und übermorgen?“, schimpft der Gewerkschafter. Für polemisch und sogar menschenverachtend hält Bothner derartige Vorschläge. „Wenn die Wirtschaft ernsthaftes Interesse hätte, würde sie schon heute altersgerechtere Arbeitsbedingungen für Ältere schaffen“, so Bothner. Stattdessen würden selbst die jungen Leute verschlissen und die vielen tausenden Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz ignoriert. Bothner: „Es geht faktisch um eine Rentenkürzung und nicht um längere Arbeitszeiten.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare