Von reichen Eltern zum Trinken erzogen: Hochtaunus-Jugend ist öfter besoffen

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Weil ihre Eltern es vormachen, ist Saufen für viele Jugendliche selbstverständlich.

Taunus/Offenbach –  Wohlhabende Jugendliche sind wesentlich häufiger besoffen als ihre Altersgenossen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universitäten Bielefeld und Frankfurt. Als Grund vermuten Experten: Die Kinder werden zum Saufen erzogen. Von Christian Reinartz

Alexander ist 16 und jedes Wochenende dicht. Dann zieht er los. Von einer Bar in die nächste. Wodka-O, Cocktails, Tequila. Regelmäßig bis zum Filmriss. Leisten kann er sich das. Sein Vater sitzt im Aufsichtsrat eines Frankfurter Unternehmens. Alexander kennt es nicht anders. Alkohol gehört zu seinem Leben dazu. Vor allem zu dem seiner Eltern. Die trinken nämlich Abend für Abend edlen Wein und teuren Cognac. Nicht so viel, dass sie betrunken wären. Aber doch so viel und regelmäßig, dass Alkohol für Alexander längst zur Normalität gehört.

Problem reicher Jugendlicher? Trinken bis zur Besinnungslosigkeit.

„Und genau das ist das Problem“, warnt Peter Werner vom Bad Homburger Verein Freiwillige Suchtkrankenhilfe. Der Fall sei typisch. „Die Eltern machen es vor und die Kinder schauen sich das ab.“ Dabei sei es unerheblich, ob die Eltern ihren Alkoholkonsum selbst im Griff hätten. „Die Jugendlichen werden so dazu erzogen, den Alkoholkonsum als etwas ganz alltägliches wahrzunehmen.“

Reiche konsumieren mehr Alkohol

Professorin Petra Kolip, die die Studie leitet, bestätigt diesen Mechanismus. „Höhere Schichten konsumieren schon immer mehr Alkohol“, sagt die Gesundheits-Wissenschaftlerin. Allerdings sei der Konsum in besseren Kreisen nicht so mit einem Makel belastet. „Da wird statt einem Kasten Bier am Abend die Flasche Bordeaux gelehrt und edler Grappa dazu getrunken.“ Das alles finde in der Regel auch nur hinter verschlossenen Türen statt. Das Bild des Alkoholmissbrauchs werde deswegen in der öffentlichen Wahrnehmung den ärmeren Schichten zugeschoben. „Sprechen wir von einem Alkoholiker, denken viele zuerst an betrunkene Obdachlose, die auf der Straße herumtorkeln.“

Dass der Alkoholkonsum in höheren Gesellschaftsschichten offenbar auf den Nachwuchs abfärbt, untermauern die aktuellen Zahlen des statistischen Landesamtes. Demnach sind im Hochtaunuskreis bei den unter 16-Jährigen etwa 60 Prozent mehr Jugendliche wegen Alkoholmissbrauch im Krankenhaus stationär aufgenommen worden als im Main-Taunus-Kreis. Auch bei den unter 21-Jährigen setzt sich dieser Trend fort. In der Gesamtstatistik liegt der Wert 75 Prozent über dem des Nachbarkreises.

Aktuelle Fallzahlen untermauern das auch für Stadt und Kreis Offenbach: Laut statistischem Landesamt werden im gut situierten Kreis Offenbach erheblich mehr Jugendliche wegen Alkoholmissbrauch eingeliefert als in der Stadt Offenbach. Demnach sind im Kreis Offenbach bei den unter 16-Jährigen etwa 80 Prozent mehr Jugendliche wegen Alkoholmissbrauch im Krankenhaus stationär aufgenommen worden als in der Stadt Offenbach.

An einen Zufall glaubt Petra Kolip längst nicht mehr: „Diese Fakten zeigen ganz klar, dass wir mit unserer Einschätzung richtig liegen.“

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