Prügel-Exzesse im Kinderzimmer: Aber zu viele Ärzte merken nichts!

Nicht selten prügeln Eltern ihre Kinder sogar mit dem Gürtel, wie auf diesem gestellten Foto.

Frankfurt – Schläge, Tritte, glühende Zigarettenstummel – Bis zu 3000 Frankfurter Kinder gehen jedes Jahr durch eine Hölle aus häuslicher Gewalt. Doch Ärzte und Kliniken schrecken immer noch viel zu häufig vor der Diagnose Kindesmisshandlung zurück. Davon ist der Frankfurter Kinderneurologe Gert Jacobi überzeugt. Jetzt arbeitet er an der Neuauflage seines Lehrbuchs, das Medizinern helfen soll, sich im Falle einer Misshandlung richtig zu verhalten. Von Christian Reinartz

Jacobi weiß, wovon er spricht. In seiner Zeit als leitender Kinder-Neurologe an der Uniklinik Frankfurt hat er über 200 schwer misshandelte Kinder begutachtet. Statistisch gesehen kommt es in Frankfurt zu etwa über 30 Übergriffen pro Jahr. Experten multiplizieren diese Zahl mit 100. Jacobi: „Die tatsächliche Zahl liegt in jedem Fall um ein Vielfaches höher.“ Demzufolge wären allein in Frankfurt pro Jahr über 3000 Kinder von Misshandlungen betroffen. Auch im Frankfurter Jugendamt wird bestätigt: „Es sind viel mehr Fälle, als die Polizeistatistik sagt.“

Das Erschreckende: Wenn ein Kind grün und blau geschlagen im Krankenhaus vorstellig wird, wurde es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon sehr oft misshandelt, ist sich Jacobi sicher. „Aber der Kinderarzt hat meistens nicht das Jugendamt oder die Polizei darüber informiert“, ärgert er sich über die Gutgläubigkeit seiner Kollegen: „Die lassen sich von den Eltern jahrelang die abenteuerlichsten Geschichten erzählen und glauben die wirklich.“ Ein typisches Beispiel sind etwa Brandnarben von auf der Kinderhaut ausgedrückten Zigaretten, die als Windpockennarben durchgehen, oder vorgeschobene Treppenstürze.

Den Grund dafür sieht der Kinder-Mediziner im nicht ausreichenden Wissen seiner Kollegen über typische Krankheitsbilder einer Misshandlung. Außerdem fehle vielen die nötige Skepsis und Zivilcourage, um sich mit den Eltern auseinander zu setzen.

Der Offenbacher Kinderarzt Lutz Müller, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte, erklärt die verzwickte Lage, in der sich die Kinderärzte beim Thema Misshandlung befinden: „Wir müssen als Kinderärzte immer ein Vertrauensverhältnis mit den Eltern schaffen und vom Guten ausgehen.“ Damit dann den ungeheuerlichen Vorwurf der Kindesmisshandlung übereinander zu bringen, sei oft sehr schwierig.

Ein junger Kinderarzt, der nicht namentlich genannt werden will, nennt einen weiteren Grund: „Wenn man Schulden für die Praxis abzahlen muss, überlegt man es sich zweimal, ob man jemanden wirklich anzeigt.“ Stelle sich das nämlich als Irrtum heraus, könne man die Praxis dichtmachen.

Im Frankfurter Jugendamt kennt man die Problematik. „Dabei gibt es für eine solche falsche Zurückhaltung gar keinen Grund“, sagt Christiane van den Borg, Leiterin des Frankfurter Jugendamtes. Sie rät den Medizinern, im Zweifelsfall beim städtischen Kinder- und Jugendschutztelefon anzurufen. Dort stehen Experten für Gespräche bereit und helfen dabei, die Situation richtig zu beurteilen. Van den Borg: „Lieber einmal mehr anrufen, als zu wenig.“

Auch in der Frankfurter Kinderschutzambulanz der Uniklinik, die sich auf solche Fälle spezialisiert hat, hat man Verständnis für die Kollegen. Professor Matthias Kieslich: „Wir bieten niedergelassenen Kinderärzten die Möglichkeit, die Kinder mit einer solchen Vermutung direkt an uns zu verweisen.“ In der Ambulanz würden die Kinder erst einmal genau untersucht und von unterschiedlichen Spezialisten durchgecheckt. „Bestätigt sich der Verdacht, schalten wir das Jugendamt ein und die Kinderärzte bleiben außen vor.“

Kinder- und Jugendschutztelefon: S (0800) 2010111.

Kinderschutzambulanz der Uniklinik: S (069) 6301-5560

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