Verlockende Schuldenfalle:  Stricher bekommen Dispokredit

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Schnelles Geld: Einige Klienten des Frankfurter Kriseninterventionszentrums haben nicht lange gewartet und das Limit ihres Dispokredits gleich ausgeschöpf

Frankfurt – Die Frankfurter Aids-Hilfe ist alarmiert. Es häufen sich Fälle in denen Stricher, die von der Kriseninterventionsstelle (KISS) betreut werden, ein Konto inklusive Dispokredit und Versicherungen abgeschlossen haben. Von Dirk Beutel

Sie kommen vor allem aus Osteuropa und Südamerika. Der Armut wegen. Deshalb gehen sie in Frankfurt auf den Strich, um Geld für ihre Familien daheim zu verdienen. Ihre Deutschkenntnisse sind begrenzt oder überhaupt nicht vorhanden. Vom Umgang mit Geld haben viele von ihnen gar keine Ahnung. Trotzdem konnten offenbar einige männliche Prostituierte, die gleichzeitig Klienten des KISS sind, ein Bankkto bei einer nahegelegenen Postbank eröffnen. Das Fatale: Zu diesem Konto gehört ein Dispokredit.

Jetzt hat die Aids-Hilfe Alarm geschlagen. Reiner Dickopf, Fachbereichsleiter Psychosoziales und Prävention: „Unsere Klienten verfügen in der Regel über kein geregeltes und nur sehr geringes Einkommen. Da sie Verhältnissen kommen, in denen es mehr um das Überleben als um das Führen einer gesicherten Existenz geht, ist die Aussicht, kurzfristig an recht viel Geld zu kommen, verführerisch und verlockt sie über ihre Verhältnisse zu leben.“ Damit nicht genug: Einige der Stricher haben sogar eine Lebens- oder Hausratsversicherung abgeschlossen. „Dabei sind unsere Klienten die denkbar ungeeignetsten Kunden für solche Geschäfte“, sagt Dickopf.

Mitarbeiter versuchen Verträge zu kündigen

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Jetzt setzen die KISS-Mitarbeiter alles daran, vor kurzem geschlossene Verträge wieder zu kündigen, oder im bereits eingetretenen Schuldenfall Ratenzahlungen zu vereinbaren. Denn bei etwa 15 Strichern haben sich bereits Inkasso-Büros gemeldet. „Wir haben bereits vor vier Wochen die Postbank angeschrieben und auf das Problem hingewiesen“, sagt KISS-Leiterin Karin Fink. Auf eine Antwort wartet sie bis heute.

Der Postbank sind solche Fälle nicht bekannt: „Grundsätzlich bietet die Postbank jedem voll geschäftsfähigen Kunden im Sinne der Gleichbehandlung an, zu prüfen, ob und in welcher Höhe ein Dispositionskredit für ein Girokonto eingerichtet werden kann“, sagt Postbank-Sprecherin Uta Schaller auf EXTRA-TIPP-Nachfrage. „Auf Basis der Kundenangaben zum monatlichen Einkommen in Verbindung mit einem Bonitäts-Scoring wird ein Betrag von bis zu maximal 500 Euro als Dispositionskredit eingeräumt.“ Das Anbieten von weiteren Produkten wie Versicherungspolicen an Giro-Neukunden gehöre in jeder Filiale zum Standard.

Karin Fink will nicht, dass noch mehr Stricher in die verführerische Geldfalle tappen. Doch nicht jeder erzählt von seinen Bankgeschäften. Sobald ein Sozialarbeiter jedoch ins Vertrauen gezogen werde, sollen die Stricher beim nächsten Bankbesuch begleitet werden.

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