Absichtlich infiziert

Perverser Sexkick: Pozzer treffen sich zu HIV-Partys

+
Russisches Roulette beim Sex: Pozzer infizieren sich gewollt mit dem Virus.

Frankfurt – In Frankfurt leben etwa 5000 Menschen mit HIV oder Aids. Die meisten haben sich beim Sex angesteckt, andere über dreckiges Drogenbesteck. Wieder andere, so unfassbar es klingt, haben sich mit voller Absicht mit der Krankheit infiziert. Von Mareike Palmy

„Pozzen“ heißt das perverse Phänomen, das auch in der Rhein-Main-Region Anhänger findet. Einzelfälle, sagt die Aids-Hilfe Frankfurt. Aber es gibt sie. Vor allem in der schwulen Szene ist die unbegreifliche Todessehnsucht häufiger anzutreffen, aber auch Heterosexuelle machen bei dem gefährlichen Spiel mit. „Man soll nicht glauben, das passiert nur in Städten wie Berlin, New York oder London. Auch auf inoffiziellen Partys in und um Frankfurt gibt es das“, weiß Norbert Dräger von der AG36, dem Zentrum von Schwulen für Schwule der Aids-Hilfe Frankfurt.

Über das Internet verabreden sich die sogenannten „Pozzer“. In einschlägigen Foren suchen sie nach einer HIV-positiven Person, die sie mit der tödlichen Krankheit ansteckt. Je höher deren Viruslast dann ist, desto höher ist auch die Infektionsgefahr und desto gefragter ist das Inserat im Internet. Manche handeln so, weil sie permanente Angst vor einer Infizierung haben und wieder andere suchen nach einem sexuellen Kick. Im Netz klingt das dann so: „Suche geile verseuchte Pozzer aus Frankfurt und Umgebung“ gibt ein Nutzer an, ein anderer möchte „so richtig dreckig angesteckt werden“.

Pozzer suchen HIV-Partys im Netz

Man muss nur ins Internet gehen, da ist ‚Pozzen‘ kein unbeschriebenes Blatt. Es gibt da viele Communitys und Foren. In unserer alltäglichen telefonischen Beratung gehört das aber nicht zu den Standard-Themen der Anrufer“, sagt Tina Bretenitz vom Verein Aids-Aufklärung in Frankfurt.

Horst Herkommer vom HIV-Center der Goethe-Uni dagegen kennt das Phänomen auch aus dem Alltag. Der Sozialarbeiter und Psychotherapeut hatte schon Fälle in der Leitung, die Fragen zu diesem Thema hatten. „Am Telefon findet man da keine schnelle Lösung, das bedarf einer ausführlichen psychosozialen Beratung, aber wir sind eine erste Anlaufstelle für Aids-Kranke“, erklärt Herkommer. In der anonymen Beratung können sich HIV-Infizierte unter (069) 630187773 in verschiedenen Sprachen Rat holen.

Privat gerne auch „Barebacking-Partys“ genannt

Was einen gesunden Menschen dazu treibt, todkrank sein zu wollen, sich bewusst mit Aids infizieren zu wollen, bleibt unverständlich. Dass Pozzen jedoch kein Mythos von verantwortungslosen Positiven ist, der allein der Diskriminierung und Stigmatisierung dient, zeigen auch private HIV-Partys in der Region, die sogenannten „Barebacking-Partys“, auf Deutsch „Reiten ohne Sattel“. Bei den verhütungsfreien Sexpartys verzichten die Akteure auf Kondome und spielen russisches Roulette mit ihrem Leben.

Klar, jeder hat das Recht auf Sex ohne Kondom, auch Menschen mit HIV. Es ist schon nachvollziehbar, dass auch positive Männer unbeschwerten Sex genießen möchten“, so Norbert Dräger. „Wir kommen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Unser Appell geht ganz klar an die Selbstverantwortung. Jeder muss selbst wissen, was er tut. Wir können nur raten: Benutzt ein Kondom, schließlich schützt es auch noch vor anderen Krankheiten.“

Mehr zum Thema

Kommentare