Überwachungsvideo lässt Familie an Selbstmord zweifeln

Offenbacher stirbt in Polizeizelle auf Mallorca

+
Youness El Alami zeigt das Bild seines Bruders Mohamed, der im März auf Mallorca ums Leben gekommen ist.

Offenbach/Palma de Mallorca  - Der Traum von Mallorca ist für den Offenbacher Mohamed El Alami zum tödlichen Albtraum geworden. Nach einer angeblichen Schlägerei wird der betrunkene Mann von der Polizei in Palma in eine Arrestzelle gesteckt. Eine gute Stunde später ist er tot. Von Christian Reinartz

Die Polizei behauptet, es war Selbstmord. Derweil wartet die Familie seit drei Monaten auf die Herausgabe des Leichnams. – „Sie haben meinen Bruder auf dem Gewissen“, sagt Youness El Alami und wischt sich eine Träne von der Wange. Eigentlich hätte es für seinen jüngeren Bruder Mohamed aus Offenbach ein Neuanfang in der Sonne werden sollen, sagt er.

Statt Weinhandel in Frankfurt nun ein Segway-Verleih. Doch aus dem Neuanfang wird ein Ende für immer. In einer Arrestzelle in Palma de Mallorca. Dort wird El Alami kurz nach seiner Festnahme tot aufgefunden. Sein Bruder ist sicher: „Da ist irgendetwas Schlimmes passiert. Und jetzt versucht die Polizei das mit allen Mitteln zu vertuschen.

Gefangener soll Scheibe des Polizeiwagens eingeschlagen haben

Aber es gibt ein Video.“ Doch was war passiert? Vorangegangen war ein eigentlich harmloses Handgemenge. Auch Alkohol sei im Spiel gewesen, sagt der Bruder. „Er hat da halt gefeiert“, sagt Youness El Alami. Sein Bruder sei am frühen Morgen des 25. März vor einer Bar mit den Türstehern aneinander geraten. „Er wollte rein, um seine Jacke zu holen, den Wachleuten war er aber zu betrunken.“ Das Personal habe daraufhin die Polizei verständigt. „Das haben mir Augenzeugen vor Ort berichtet“, sagt der ältere Bruder. Dass aus dieser Auseinandersetzung wenig später tödlicher Ernst werden wird, ahnt Mohamed El Alami zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In der offiziellen Version der örtlichen Polizei heißt es, Mohamed El Alami sei aggressiv geworden, habe sogar die Scheibe eines Polizeiautos eingeschlagen. Drei Polizisten soll er dabei verletzt haben. Nur soviel steht fest: Ein Pulk Polizisten bringt den Mann um 5.58 Uhr in den Vorraum einer Arrestzelle der Polizeistation San Fernando. Er wird von mehreren Beamten auf den Boden gedrückt. Sein Gürtel und der Inhalt der Hosentaschen werden ihm abgenommen. Eine Videokamera zeichnet die Szenen auf.

Ausschnitte aus dem Überwachungsvideo vor der Arrestzelle

Das komplette 3-stündige-Video liegt der Redaktion vor. Zwei Minuten später wird der Festgenommene in die Zelle gebracht, die Hände auf den Rücken gefesselt. Er ruft den Polizisten etwas zu. Obwohl der Mann gefesselt ist, gehen sieben Polizisten in den Zellenbereich und kommen erst knapp fünf Minuten später wieder heraus. Der letzte schließt die Gittertür. „Das Verhalten der Polizisten ist dubios“, sagt Youness El Alami. Eine Szene habe ihn besonders nachdenklich gemacht. „Einmal kommt eine Polizeibeamtin in den Raum und schaut seltsam in Richtung der Arrestzelle und geht dann wieder. Auch die anderen Polizisten verhalten sich merkwürdig. Das geht 90 Minuten lang, bis sie meinen Bruder dann tot vorfinden.“

Bruder hat Zweifel am Selbstmord

Und noch etwas lässt ihn zweifeln. „Die Ermittlungen wurden verdächtig schnell abgeschlossen.“ Der Mann soll sich selbst umgebracht haben, lautet das Ermittlungsergebnis. Angeblich soll er sich in seiner Zelle erhängt haben. „Die sagen, er habe dazu den Ärmel seines Pullovers benutzt“, sagt Youness El Alami aufgeregt. „Aber Mohamed wog 120 Kilogramm, mit einem Pulloverärmel hätte das doch nie funktioniert.“ Zu diesem Schluss scheint, laut ihm, mittlerweile auch das Justiz-Ministerium in Madrid gekommen zu sein. „Die Würgemale an seinem Hals stammen demnach nicht von seinem Ärmel, sondern von seinem Kragen“, sagt Youness El Alami.

Opferfamilie will bis vors höchste Gericht ziehen

Dazu kommt: In der Polizeiwache San Fernando ist es offenbar schon vorher zu gewaltsamen Übergriffen gekommen. Ein Youtube-Video zeigt, wie Beamte einen Mann mit Tritten drangsalieren, dann wird die Überwachungskamera weggedreht. Im Fall von Mohamed El Alami wird die Leiche um 7.30 Uhr entdeckt. „Meiner Meinung nach war mein Bruder aber schon die ganze Zeit tot und die haben 90 Minuten lang Theater gespielt“, sagt der ältere Bruder. Der tragische Vorfall ist nun drei Monate her, der Leichnam von Mohamed El Alami ist aber immer noch nicht freigegeben. „Das Gericht hat offenbar die Ermittlungen jetzt abgeschlossen und der Staatsanwalt muss entscheiden“, sagt Youness El Alami. „Das Ganze ist für mich, meine Eltern und Brüder ein Horror. Die halten den Leichnam meines Bruders schon so lange fest, und wir bekommen keine Informationen. Wir wollen ihn jetzt endlich beerdigen.“ Doch abschließen wird auch eine Beerdigung das Kapitel nicht. Youness El Alami sagt: „Wir werden diesen Fall aufklären und damit, wenn es sein muss, bis vor das höchste Gericht gehen.“ Mittlerweile wurde der Fall auch bei der deutschen Polizei angezeigt.

Auch der Fall des Serienmörders Manfred S. aus dem Taunus hält die Region nach wie vor in Atem.

Erste neue Zeugenhinweise zu möglichem Serienmord

Ein vom hessischen Landeskriminalamt veröffentlichtes Foto zeigt den mutmaßlichen Serienmörder Manfred S. Foto: Polizei Hessen
Ein vom hessischen Landeskriminalamt veröffentlichtes Foto zeigt den mutmaßlichen Serienmörder Manfred S. Foto: Polizei Hessen  © 
Frank Herrmann (l) und Holger Thomsen (r) arbeiten beide in der Sonderkommission AG Alaska des hessischen Landeskriminalamtes. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Frank Herrmann (l) und Holger Thomsen (r) arbeiten beide in der Sonderkommission AG Alaska des hessischen Landeskriminalamtes. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa  © Frank Rumpenhorst
Bildern des möglichen Täters bei einer Pressekonferenz im hessischen Landeskriminalamt. Foto: Frank Rumpenhorst
Bildern des möglichen Täters bei einer Pressekonferenz im hessischen Landeskriminalamt. Foto: Frank Rumpenhorst  © Frank Rumpenhorst
Polizeibeamte suchen in einem Wald nach Spuren im Mordfall Tristan. Foto: Stephanie Pilick/Archiv
Polizeibeamte suchen in einem Wald nach Spuren im Mordfall Tristan. Foto: Stephanie Pilick/Archiv  © Stephanie Pilick
Beamte des Hessischen Landeskriminalamtes verlassen in Schwalbach am Taunus einen Fundort, an dem Leichenteile entdeckt worden sind. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv
Beamte des Hessischen Landeskriminalamtes verlassen in Schwalbach am Taunus einen Fundort, an dem Leichenteile entdeckt worden sind. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv  © Fredrik von Erichsen
Polizeibeamte suchen mit Hunden in Frankfurt-Höchst nach möglichen Spuren und Hinweisen zum Mord an dem Schüler. Foto: Arne Dedert/Archiv
Polizeibeamte suchen mit Hunden in Frankfurt-Höchst nach möglichen Spuren und Hinweisen zum Mord an dem Schüler. Foto: Arne Dedert/Archiv  © Arne Dedert
Das Grab des 1998 ermordeten Schülers Tristan: Ermittler erhoffen sich neue Aufschlüsse über die Tat. Foto: Stephanie Pilick/Archiv
Das Grab des 1998 ermordeten Schülers Tristan: Ermittler erhoffen sich neue Aufschlüsse über die Tat. Foto: Stephanie Pilick/Archiv  © Stephanie Pilick
Die Leiche des getöteten Tristan wird am 26.3.1998 im Frankfurter Stadtteil Höchst abtransportiert. Foto: Jürgen Mahnke/Archiv
Die Leiche des getöteten Tristan wird am 26.3.1998 im Frankfurter Stadtteil Höchst abtransportiert. Foto: Jürgen Mahnke/Archiv  © Jürgen Mahnke

Keine Neuigkeiten und Gewinnspiele mehr verpassen? Dann einfach EXTRA TIPP-Fan auf Facebook werden!

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare