Konkurrenz für Möbel-Discounter

Kritik an Erstausstattung für Offenbacher Hartz-IV-Empfänger

+
Hartz-IV-Expertin Ellen Vaudlet mit ihrem Schützling. Die 18-jährige Offenbacherin ist im vierten Monat schwanger. Auch sie wurde von der Mainarbeit in diesem Monat für ihre Erstausstattung in ein städtisches Kaufhaus geschickt, obwohl es billigere Angebote gab.

Offenbach -  Möbel-Discounter werben mit Billigangeboten. Die durften Hartz-IV-Empfänger in Offenbach bisher nicht nutzen. Die Mainarbeit schickte sie für die Erstausstattung zu einem Kaufhaus, das in städtischer Hand ist. Jetzt soll alles anders werden. Von Norman Körtge

„Es wird ein Junge“, erzählt Melanie Schubert (Name von der Redaktion geändert) mit einem Strahlen im Gesicht und streichelt über ihren Babybauch. Der 18-Jährigen, über die der EXTRA TIPP im August berichtete („Hartz-IV-Albtraum: Schwanger und kein Zuhause“), geht es gut. Vor allem deshalb, weil sie dank der ehrenamtlichen Hartz-IV-Expertin Ellen Vaudlet , die sich für die werdende Mutter bei der Mainarbeit stark machte und ihr schließlich mit viel persönlichen Einsatz zu einer kleinen Wohnung in der Karlstraße verhalf. Der erste Schritt für ein Leben in den eigenen vier Wänden war getan.

Erstausstattung im Möbelhaus Zebra

Der zweite war die Möbelbeschaffung. „Erstausstattung“ heißt das im Fachjargon. 179 Euro für einen Schrank, 219 Euro für ein Bett, 54 Euro für einen Esstisch, 199 Euro für einen Kühlschrank – auf zirka 2200 Euro beläuft sich der Wert an Inventar, der Schubert von der Mainarbeit gewährt wurde. „Anforderungsschein“ steht auf der Liste, ausgestellt für das öffentliche Zebra -Möbelhaus am Odenwaldring. Ein Möbel-Discounter, der von der GOAB , einer Tochtergesellschaft der Stadt Offenbach, getragen wird. Dort darf die Offenbacherin nun „einkaufen“ gehen und sich bis zu den aufgeführten Höchstpreisen Möbelstücke aussuchen. Abgerechnet wird direkt mit der Mainarbeit. An sich eine gute Sache.

Kritik von Ellen Vaudlet

Ellen Vaudlet kritisiert aber zwei Punkte. Zum einen dürfen Summen innerhalb der Anforderungsliste nicht umgeschichtet werden. Beispielsweise lieber bessere Stühle und einen billigeren Tisch nehmen. „Hier wird der Bürger entmündigt“, sagt sie. Zum anderen ist Vaudlet der festen Überzeugung, dass mit rein privatwirtschaftlichen Möbel-Discountern günstiger eine Wohnung eingerichtet werden könnte und diesen durch Zebra Kaufkraft genommen werde. Als Beleg führt sie verschiedene Zeitungsprospekte an. „Warum dürfen die Menschen nicht selber entscheiden, wo sie die Möbel kaufen“, fragt sie. Die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs in Bad Homburg hat Vaudlet bereits angeschrieben.

Mainarbeit reagiert: Verändertes Marktumfeld

Auf Anfrage des EXTRA TIPPs bei der Mainarbeit heißt es von deren Geschäftsführer Matthias Schulze-Böing zunächst, dass die Kunden sehr wohl die Wahl hätten, wo sie die Möbel kaufen. Es müssten aber drei Kostenvoranschläge vorgelegt werden und dabei der preisgünstige Anbieter ausgewählt werden. Eine Aussage, die Hartz-IV-Expertin Ellen Vaudlet und ihre Mitstreiter vom sogenannten SGB-II-Dialog empört: „Alle, die ich gefragt habe – und ich kenne es aus meinen Erfahrungen auch nicht anders – sagen, dass die Leistungsempfänger immer zu Zebra geschickt wurden.“ Das bestreitet auf Nachfrage dann auch Schulze-Böing nicht: „Es gab in der Tat viele Jahre eine Vereinbarung mit der GOAB zur Beschaffung der Erstausstattung. Nicht erst seit es das Jobcenter gibt, sondern auch schon zu Zeiten der alten Sozialhilfe. Das hat sich auch bewährt. Wir haben unsere hausinterne Regelung jedoch nun geändert, um auf ein verändertes Marktumfeld zu reagieren.“ Diese Regelung werde seit einigen Tagen erst kommuniziert. „Wir werden beobachten, wie das funktioniert“, so Schulze-Böing. Er verteidigt ausdrücklich die zweckmäßige Regelung aus der Vergangenheit, bescheinigt Zebra eine gute Arbeit und Qualität.

Zum Vergleich der Kreis Offenbach

Zum Vergleich: Der Kreis Offenbach überweist den Leistungsempfängern den genehmigten Betrag für die Erstausstattung und dieser muss dann selber schauen, wo er sich am günstigsten seine Möbel besorgt. All das muss er mit Quittungen belegen. Bleibt am Ende Geld übrig, wird dieser Betrag dem Kunden vom Regelsatz wieder abgezogen.

Lesen Sie auch:

Ellen Vaudlet hilft Hartz-IV-Empfängern

Offenbacher Familie lebt zu zehnt in Mini-Wohnung

Im Anzieheck gibt's Kleidung für Bedürftige

Das Thema Zebra könnte aber bald schon Geschichte sein: Die GOAB hat diese Woche Insolvenz angemeldet.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion