Obertshausens Bürgermeister ist einverstanden

Nach Kosten-Schock: Jetzt packen Senioren selbst mit an

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Nie mehr teure Hausmeisterdienste: Ab jetzt dürfen die Bewohner des Altenwohnheims selbst zu Besen und Putzeimer greifen.

Obertshausen - Seit Dezember berichtet der EXTRA TIPP über die Senioren eines städtischen Altenwohnheims in Obertshausen, weil sie zehnmal so hohe Hausmeisterkosten zahlen sollten wie bisher. Dagegen wehrten sie sich. Mit Erfolg: Die Rentner zahlen nun weniger und sorgen selbst für Ordnung. Von Katrin Greschner

Mit Besen, Kehrschaufel und Putzeimer sind die Senioren des Altenwohnheims Im Loh in Obertshausen bestens ausgerüstet. Sie fegen, schrubben und pflanzen fleißig im und ums Haus, denn seit dem 1. April dürfen sie selbst Hand anlegen. Danach sah es im vergangenen Winter noch nicht aus.

Kurz vor Weihnachten kam der Schock für die Bewohner: Die Stadt hatte die Hausmeistertätigkeiten im Jahr 2015 fremdvergeben und forderte dafür den zehnfachen Preis von den Rentnern. Doch das ließen sie sich nicht gefallen: Sie wandten sich an den EXTRA TIPP, der bei Bürgermeister Roger Winter nachhakte.

Bei einem Treffen Ende Januar kam er den Bewohnern mit einem gesenkten Preis für den Hausmeisterservice entgegen. Und auch über eine zukünftige Lösung für die Hausordnung wurde diskutiert. Die Rentner wollten selbst fegen und putzen. Mitte Februar flatterten dann Briefe von der Stadt mit einem Vorschlag zur Hausordnung in die Briefkästen der Rentner. Dazu gehören unter anderem das Putzen des Treppenhauses, der Fenster und des Waschkellers. Auch stellen sie die Mülltonnen künftig vor die Tür. Einzig das Rasenmähen, das Zurückschneiden der Bäume und das Reinigen der Ablaufrinnen werden „aus Gründen der Arbeitssicherheit“ von der Stadt an den Bauhof vergeben.

Fotos: Mit diesen Übungen bleiben Senioren fit 

70 Jahre und topfit: Doris Diehl, zertifizierte Reha- und Gesundheitstarinerin aus Frankfurt, ist überzeugt: „Die meisten Zipperlein haben wir, weil wir uns zu wenig bewegen.“ 
70 Jahre und topfit: Doris Diehl, zertifizierte Reha- und Gesundheitstarinerin aus Frankfurt, ist überzeugt: „Die meisten Zipperlein haben wir, weil wir uns zu wenig bewegen.“   © Kristina Bräutigam
Mit dem Rücken zur Wand stellen, Füße parallel, Knie leicht gebeugt. Die Arme nun parallel mit den Handflächen nach vorn strecken, Ellbogen anbeugen.
Übung 1: Mit dem Rücken zur Wand stellen, Füße parallel, Knie leicht gebeugt. Die Arme nun parallel mit den Handflächen nach vorn strecken, Ellbogen anbeugen.  © Kristina Bräutigam
Jetzt nur mit dem Oberkörper seitlich zur Wand drehen, so dass beide Handflächen die Wand berühren. Die Füße bleiben stehen. Kurz halten, dann zur anderen Seite drehen. Anfänger machen drei Wiederholungen pro Seite. Die Übung fördert die Rumpfbeweglichkeit.
Jetzt nur mit dem Oberkörper seitlich zur Wand drehen, so dass beide Handflächen die Wand berühren. Die Füße bleiben stehen. Kurz halten, dann zur anderen Seite drehen. Anfänger machen drei Wiederholungen pro Seite. Die Übung fördert die Rumpfbeweglichkeit.  © Kristina Bräutigam
Übung 2: Einen Besenstielnehmen und auf eine rutschfeste Unterlage stellen. Die ausgestreckten Arme halten das Stielende, der Oberkörper bildet zunächst eine gerade Linie, der Po wird nach hinten gestreckt. Dann einen runden Rücken machen, einatmen, Rücken wieder gerade strecken und ausatmen. Drei- bis fünfmal wiederholen.
Übung 2: Einen Besenstielnehmen und auf eine rutschfeste Unterlage stellen. Die ausgestreckten Arme halten das Stielende, der Oberkörper bildet zunächst eine gerade Linie, der Po wird nach hinten gestreckt. Dann einen runden Rücken machen, einatmen, Rücken wieder gerade strecken und ausatmen. Drei- bis fünfmal wiederholen.  © Kristina Bräutigam
Dann einen runden Rücken machen, einatmen, Rücken wieder gerade strecken und ausatmen. Drei- bis fünfmal wiederholen.  „Man spürt, wie die gesamte Wirbelsäule mobilisiert wird“, bestätigt Doris Diehl.
Dann einen runden Rücken machen, einatmen, Rücken wieder gerade strecken und ausatmen. Drei- bis fünfmal wiederholen.  „Man spürt, wie die gesamte Wirbelsäule mobilisiert wird“, bestätigt Doris Diehl.  © Kristina Bräutigam
Übung 3: Ein Theraband (im Handel erhältlich) an einer Türklinke befestigen. Dann seitlich breitbeinigen Stand einnehmen. Mit dem äußeren Arm das Band greifen und auf Brusthöhe gerade nach außen ziehen. Wichtig: Die Schultern bewegen sich nicht, der Ellbogen bleibt auf Schulterhöhe. Die Übung pro Seite drei- bis fünfmal wiederholen.
Übung 3: Ein Theraband (im Handel erhältlich) an einer Türklinke befestigen. Dann seitlich breitbeinigen Stand einnehmen. Mit dem äußeren Arm das Band greifen und auf Brusthöhe gerade nach außen ziehen. Wichtig: Die Schultern bewegen sich nicht, der Ellbogen bleibt auf Schulterhöhe. Die Übung pro Seite drei- bis fünfmal wiederholen.  © Kristina Bräutigam
Auf einen Hocker setzen, Füße stehen auf dem Boden, der Rücken ist gerade. Nun die linke Hand zum rechten Knie führen und gegen die Außenseite drücken. Jetzt den rechten Arm strecken und samt der rechten Schulter nach außen drehen. Position kurz halten. Je nach Kraft die Übung pro Seite drei- bis viermal wiederholen.
Übung 4: Auf einen Hocker setzen, Füße stehen auf dem Boden, der Rücken ist gerade. Nun die linke Hand zum rechten Knie führen und gegen die Außenseite drücken. Jetzt den rechten Arm strecken und samt der rechten Schulter nach außen drehen. Position kurz halten. Je nach Kraft die Übung pro Seite drei- bis viermal wiederholen.  © Kristina Bräutigam
Übung 5: Ein zusammengefaltetes Handtuch an die Wand legen, mit dem Hinterkopf im Stehen dagegen lehnen und nun leicht nach vorn und hinten ferdern. Das Federn mit der Stirn und der rechten und linken Gesichtshälfte je dreimal wiederholen. „Das stärkt die Nackenmuskulatur", sagt Doris Diehl
Übung 5: Ein zusammengefaltetes Handtuch an die Wand legen, mit dem Hinterkopf im Stehen dagegen lehnen und nun leicht nach vorn und hinten ferdern. Das Federn mit der Stirn und der rechten und linken Gesichtshälfte je dreimal wiederholen. „Das stärkt die Nackenmuskulatur", sagt Doris Diehl  © Kristina Bräutigam

Seit dem 1. April übernehmen die Bewohner nun schon die Hausmeistertätigkeiten selbst: „Bis jetzt klappt alles gut! Wir haben zur Organisation einen Kalender im Treppenhaus aufgehängt. Immer abwechselnd kümmern wir uns dann um die Reinigung“, sagt Bewohner Klaus Nerlich.

Auch im Garten hat sich einiges getan: „Herr Nerlich hat schon viele Blumen eingepflanzt“, sagt Christina Reinhold und zeigt auf die Beete. Die gelben und blauen Pflänzchen strahlen selbst bei Regen. „Ich kümmere mich jetzt um den Außenbereich“, sagt Nerlich. Er freut sich, dass es die Senioren nicht nur schön haben, sondern sich auch nicht mehr um zu hohe Kosten sorgen müssen.

So berichtete der EXTRA TIPP im Februar: 

Nachdem der EXTRA TIPP in seiner Ausgabe vom 11. Dezember über den Hausmeisterdienst berichtete, der die Senioren im Altenwohnheim in der Straße Im Loh zehnmal so viel kostet wie zuvor, kam Obertshausens Bürgermeister Roger Winter jetzt ein zweites Mal vorbei: Mit einem Lösungsansatz.

Ende Januar traf sich der Rathauschef mit den Bewohnern. Er hatte eine neu aufgestellte Nebenkostenabrechnung für das Jahr 2015 für die Mieter dabei. Verändert hatte sich dabei der Betrag für den Hausmeisterservice. Dafür forderte die Stadt anstatt der zuvor gewollten 1,58 Euro pro Quadratmeter 0,59 Euro von den Senioren. Hätten diese nicht die Mittel den Betrag zu zahlen, könne das Geld in Raten abbezahlt werden. Die meisten Senioren waren einverstanden mit der neuen Summe: „Es ist ein faires Angebot. Der Bürgermeister ist uns damit entgegengekommen“, sagte Mieterin Christina Reinhold. Die Diskussion war trotzdem hitzig. 

Die Bewohner bekommen von Bürgermeister Roger Winter (rechts) die neuen Nebenkostenabrechnungen ausgeteilt.

Vom teuren Hausmeister haben die Mieter kaum etwas mitbekommen: „Wir zahlen einen Haufen Geld dafür, dass der Mann rein kommt, das Licht anmacht und danach gleich wieder verschwindet. Er lässt währenddessen sogar den Motor laufen“, kritisieren die Bewohner. „Der macht doch gar nichts“, sind sie sich einig. 

Manche Dienste bereiten einigen Senioren aber Sorgen

Ein weiterer Punkt zur Kostenminimierung ist der Gemeinschaftsraum. Da dieser nicht von den Bewohnern genutzt wird, hat sich die Stadt überlegt, eine Wohneinheit daraus zu machen. Die Bewohner sprechen sich ebenfalls dafür aus. Außerdem ging Winter auf den Vorschlag der Bewohner ein, die Hausmeistertätigkeiten selbst zu übernehmen und untereinander aufzuteilen. Dafür müssten sich alle Bewohner damit einverstanden erklären, die anfallenden Tätigkeiten der „großen Hausordnung“ im Wechsel auszuführen.

Dass zur großen Hausordnung auch körperlich anstrengende Aufgaben wie die Reinigung der Dachrinnen, das Schneeschippen im Winter und das zweiwöchentliche Rasenmähen in den Sommermonaten, beinhaltet, bereitet zumindest einigen Senioren Kopfzerbrechen.

Die Lösungsansätze müssen in den nächsten Tagen mit dem Magistrat abgeklärt werden. In der Stadtverordnetenversammlung am vergangenen Donnerstag kam das Thema nicht zur Sprache. Der EXTRA TIPP wird an dem Fall dranbleiben.

Das schrieb der EXTRA TIPP im Dezember:

Erstmal keine schnelle Lösung für die Bewohner des Obertshausener Altenwohnheims in der Straße im Loh in Sicht. Wie der EXTRA TIPP berichtete, wurden die Senioren von unerwartet hohen Nachzahlungen für das Abrechnungsjahr 2015 überrascht. Grund war der zehnmal so teure Hausmeisterdienst, den die Stadt engagiert hatte. Doch die versucht nun auf die Senioren zuzugehen. Das persönliche Gespräch mit Bürgermeister Roger Winter, den Mitarbeiterinnen der Liegenschaftsverwaltung und dem Fachdienstleiter für soziale Leistungen brachte zumindest einen Teilerfolg. Winter entschuldigte sich bei den Bewohnern für die schlechte Kommunikation der Verwaltung. Zudem wurde den Senioren eine Karenzzeit von drei Monaten eingeräumt, um die Nebenkosten zu zahlen. Das hatte die Stadtverordnetenversammlung beschlossen.

Im Dialog bekräftigten die Altenheim-Bewohner ihren Wunsch, die Hausmeistertätigkeiten freiwillig zu übernehmen. „Die Mieter haben konstruktive Vorschläge gemacht, ob und welche Aufgaben sie eventuell selbst übernehmen können“, sagte Winter. Wäre dies im Vorfeld passiert, hätten Kosten vielleicht vermieden werden können. Wie Winter mitteilte, werde nun geprüft, inwieweit die Nebenkostenabrechnungen für die vergangenen Jahre erlassen werden können. Bei einem Treffen im neuen Jahr soll dann geklärt werden, welche Leistungen die Bewohner, ein Hausmeisterdienst oder der städtische Bauhof übernehmen. Winter: „Wir werden alles versuchen, um eine sozialverträgliche Lösung für die Bewohner zu ermöglichen.“ 

Hausmeisterkosten erstmals komplett umgelegt

Zudem erklärte Winter die Hintergründe für die Kostensteigerungen des Hausmeisterdienstes. Das im Jahr 2013 beschlossene Haushaltssicherungskonzept sehe eine vollständige Umlegung von bisher nicht berechneten Nebenkosten auf die Mieter vor. „Die städtische Liegenschaftsverwaltung legte deshalb für den Abrechnungszeitraum 2015 erstmals die in der Wohnanlage entstandenen Hausmeisterkosten auf die Mieter um“, hieß es.

Dass überhaupt ein neuer Hausmeisterdienst über die Köpfe der Bewohner hinweg eingestellt wurde, erklärte Winter mit den gesundheitlichen Problemen des bisherigen Hausmeisterehepaares. „Die bisherigen Kosten des Hausmeisterehepaars, das in Mini-Jobs beschäftigt war, waren in der Vergangenheit den Mietern nicht berechnet worden. Wie sich damals ergab, waren die Kosten der Mini-Jobs für das Hausmeisterehepaar durch die Vorgaben des Mindestlohngesetzes sogar höher als die nun dokumentierten Kosten des neuen Hausmeisterdienstes. Es war in früheren Jahren üblich, dass diese Hausmeisterkosten nur pauschal mit seinerzeit fünf DM pro Monat und Wohneinheit umgelegt wurden“, sagte Winter.

Klaus Nerlich ist dennoch enttäuscht: „Bis jetzt sind die Kosten immer noch da und viele wissen nicht, wie sie die bezahlen sollen. Wir haben Angst, dass man uns über den Tisch zieht. Man hätte uns im Vorfeld informieren müssen, dann wäre das gar nicht passiert.“

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