Urin, Dreck und Müll

Stadt ist machtlos: Großfamilie lagert an der Hauptwache

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Obdachlose nächtigen Abend für Abend vor dem Schuhhaus an der Hauptwache.

Frankfurt – Ganze Großfamilien aus Südosteuropa lagern jede Nacht gegenüber der Sportarena. In einer windgeschützten Ecke vor einem Schuhgeschäft und einem Bürohaus schlagen sie nach 19 Uhr ihr Nachtlager auf, urinieren gegen die Wände und hinterlassen jede Menge Müll. Von Christian Reinartz

Wenn Marvin Klinger von der Firma Impact morgens um 7.20 auf die Tür zum Bürohaus an der Hauptwache 2 zuläuft, riecht es nach Urin. „Und das jeden Morgen“, sagt Klinger. „Einmal haben die uns sogar einen Haufen direkt neben die Tür gesetzt.“ Die, das ist eine Großfamilie südosteuropäischer Herkunft, mit insgesamt 15 bis 20 Personen. Die Gruppe, bestehend aus Opa, Oma, Erwachsenen, jugendlichen und sogar einem Baby schlägt dort jeden Abend ihren Lagerplatz auf, um in der Windgeschützten Ecke die Nacht zu verbringen. Dazu werden am benachbarten Bauzaun und auf einem der Lüftungsgitter der B-Ebene Kleider getrocknet und Socken zum Lüften aufgehängt. „Das schlimmste ist aber nicht mal die Geruchsbelästigung“, sagt Klinger. „Man wird da auch noch angepöbelt, wenn man denen keine Zigarette abgibt.“

Eingangsbereich vollgepinkelt

Auch beim benachbarten Ladengeschäft Koffer Klein und im Schuhaus Prange hat man die obdachlose Großfamilie dicke. „Kaum, dass wir unseren Rolladen runtergelassen haben, packen die schon ihre Matratzen aus“, sagt Martina Galler vom Schuhaus Prange. „Am morgen haben die dann häufig unseren Eingangsbereich vollgepinkelt.“

Anrufe bei Polizei und Ordnungsamt haben bisher nichts gebracht. Impact-Niederlassungsleiter Alexander Coll: „Seit dem Frühjahr rufen wir dort ständig an, aber die schaffen es einfach nicht, diese Leute da fernzuhalten.“ Zwar würde immer ein Mitarbeiter des Amtes nach einiger Zeit vorbeischauen. „Aber dann sind die meistens schon wieder weg“, sagt Coll frustriert. „Dabei schaden diese Leute unserem Geschäft. Wer will sich schon seinen Weg durch Obdachlose bahnen, wenn er zu uns will?“

Stadt schafft es nicht sie fernzuhalten

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Die Polizei schiebt die Verantwortung unterdessen der Stadtpolizei zu. Sprecher Manfred Füllhardt: „Das ist nicht unsere Zuständigkeit. Sicherlich kommen wir vorbei, wenn wir gerufen werden und bitten diese Leute wegzugehen, aber die kommen meistens später wieder zurück.“

Im Ordnungsamt macht Sprecher Michael Jenisch die Machtlosigkeit der Behörde deutlich: „Draußen zu schlafen ist nicht grundsätzlich verboten. Wenn diese Menschen niemanden belästigen, nichts beschädigen oder verdrecken, haben wir nichts gegen sie in der Hand.“ Zwar könne man sie für den Moment wegschicken, „aber die liegen kurze Zeit später wieder da.“ Nur eine Erhöhung der Präsenz vor Ort könne diese Leute dauerhaft fernhalten. „Aber dafür fehlt uns das Personal.“

Stärkere Kontrolle angekündigt

Stattdessen schickt die Stadt offenbar jeden Morgen ein Team mit einem Hochdruckreiniger vorbei, das die Hinterlassenschaften beseitigt. Auch auf Hilfsangebote von seiten des Sozialamts sind die Obdachlosen, die nach Erkenntnissen der Streetworker aus Rumänien und Bulgarien stammen, bisher nicht eingegangen. Fachbereichsleiterin Soziales Karin Kühn: „Wir haben sie mit Hilfe von Dolmetschern angesprochen und ihnen alle Anlaufstellen für Obdachlose erklärt. Aber angenommen wurde das bisher nicht.“

Jenisch verspricht: „Wir werden diese Ecke mit unseren Einsatzkräften trotzdem verstärkt im Auge behalten.“

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